Die Folgen des Abschusses eines russischen Kampflugzeugs an der Grenze zu Syrien beginnen seltsame Blüten zu treiben. Nun hat ein russischer Duma-Abgeordneter gefordert, die Türken mögen als eine Geste des guten Willens die Hagia Sophia in Istanbul wieder in eine Kirche umwandeln. Wie die Zeitung Sözcü und mehrere türkische Medien übereinstimmend berichten, hat der Duma-Abgeordnete Sergej Gavrilov vorgeschlagen, die Türkei solle die Hagia Sophia an die Orthodoxe Kirche zurückgeben.

Gavrilov wird mit den Worten zitiert: „Die russisch-türkischen Beziehungen machen einen Bestandstest durch. In einer solchen Zeit bekommen freundschaftliche Initiativen und Vorschläge eine besondere Bedeutung. Wir erwarten von der Türkei als eine Geste des guten Willens die Rückgabe der Hagia Sophia an die Orthodoxe Kirche.“

Von Kaiser Justinian als die größte Kirche errichtet

Ob der Vorschlag ganz ernst gemeint war, steht dahin. Er macht aber deutlich, welche unterschwelligen Faktoren bei den russisch-türkischen Beziehungen von Bedeutung sind und welche Rolle dabei die Hagia Sophia einnimmt, die von den Türken als Ayasofya bezeichnet wird.

Die Hagia Sophia, was auf Griechisch ’Heilige Weisheit’ bedeutet, wurde ab 532 n. Chr. in der Hauptstadt des damaligen byzantinischen Reiches gebaut und 537, zur Zeit des Kaisers Justinian, eröffnet. Neue Kaiser wurden in der Kirche gekrönt, sie war zugleich religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie.

Von Mehmet dem Eroberer in eine Moschee umgewandelt

Nach der türkischen Eroberung Konstantinopels durch Fatih Sultan Mehmet (’Sultan Mehmet der Eroberer’) im Jahr 1453 wurde die Kirche als Symbol der neuen Herrschaft in eine Moschee umgewandelt. Es wird sogar ein Hadith, ein Ausspruch des Propheten Mohammed, zitiert, der sinngemäß lautet: „Wie schön ist die Armee, wie schön ist der Befehlshaber, der Konstantinopel erobert.“

Aufgrund dieses Hadithes haben die Muslime in der Geschichte mehrmals versucht, Konstantinopel einzunehmen. Schon zu Lebzeiten des Propheten gab es solche Versuche. Abu Aiyub Al-Ansari, ein Prophetengefährte, dessen Grab heute in Istanbul liegt und der von vielen Muslimen verehrt wird, gehörte einer solchen Expedition an.

In der Zeit der Republik wurde die Kirche zwischen den Jahren 1930 und 1935 zu Restaurierungszwecken geschlossen. 1934 entschied Atatürk als Gründer und Präsident der Republik, das historische Gebäude nunmehr in ein Museum umzuwandeln.

Doch damit haben sich konservative Kreise im Land bis heute nicht abgefunden. Es besteht der Wunsch fort, das Museum als Zeichen der neuen muslimischen Identität des Landes in eine Moschee zurückzuverwandeln.

Russen und Türken nicht die einzigen, die Ambitionen haben

Der Vorschlag des russischen Duma-Abgeordneten zeigt nun, dass die türkischen Konservativen nicht die Einzigen sind, die Veränderungswünsche in Bezug auf das historische Gebäude hegen.

Viele konservative Türken wissen nicht, dass in Bezug auf Istanbul sie nicht die einzigen sind, die Ambitionen haben. Sie würden sich wundern, wenn sie wüssten, dass es auch islamistische arabische Kreise gibt, die die Türkei als nicht richtig islamisch ansehen, den Ausspruch des Propheten als noch nicht erfüllt betrachten und von der Eroberung Istanbuls von den Türken träumen.

Wenn man sich diese Gemengelage ansieht, kommt man nicht umhin zu sagen, dass Atatürk doch irgendwie weise gehandelt hat.