Syrischer Präsident Bashar al-Assad während eines Interviews mit Reportern vom türkischen Sender 'Halk TV' und der türkischen Zeitung 'Yurt', in Damaskus, Syrien, 01. Oktober 2013.

Mit Gruseln erinnert sich der ehemalige Mitarbeiter einer Botschaft in Damaskus an ein Treffen zwischen westlichen und syrischen Diplomaten. Er sei damals überrascht gewesen, dass auch Ali Mamluk, der mächtige Geheimdienstfunktionär, zu dem Treffen erschienen sei. „Ali Mamluk brüstete sich vor den ausländischen Diplomaten damit, dass sein Apparat die Islamisten-Szene komplett unterwandert habe. Er sagte: ‚Wir sind viel schlauer als ihr, wir haben unsere Leute im Herzen der Bewegung‘.“

Eine Verbindung zwischen dem säkularen Präsidenten Baschar al-Assad und zipfelbärtigen „Djihadisten“ – das erscheint auf den ersten Blick als unwahrscheinlich. Doch, wie man aus einem von der Enthüllungsplattform Wikileaks verbreiteten Bericht weiß, berichtete die US-Botschaft in Damaskus im Februar 2010 unter Berufung auf verschiedene Informanten darüber, wie das Assad-Regime den Zustrom von militanten Islamisten in den Irak organisierte, und wie etliche dieser Kämpfer dann nach ihrer Rückkehr in Syriens berüchtigtem Sednaya-Gefängnis landeten.

Das Gefängnis, das in einer für ihre christlichen Klöster und Kirchen bekannten Kleinstadt liegt, gilt heute als Brutstätte „djihadistischer“ Extremisten. Sahran Allusch, der Kommandeur der „Armee des Islam“, hat hier einst zusammen mit Hassaan Abud eingesessen, der inzwischen die Ahrar-al-Scham-Brigade kommandiert. Auch Ahmed al-Scheich, alias Abu Issa, landete 2004 in dem Gefängnis. Er befehligt heute die Rebellenbrigade „Falken Syriens“ („Sukur al-Scham“) und soll angeblich von dem Golfemirat Katar unterstützt werden.

Amnestien für die eingeschleusten Kämpfer

Dhijab, der seinen vollständigen Namen aus Angst vor Repressalien nicht veröffentlicht sehen will, ist kein Djihadist. Er saß von 2006 bis 2011 als politischer Gefangener in Sednaya. Er erinnert sich, dass Allusch, Abud und Abu Issa 2008 zu den Anführern eines Gefangenenaufstandes gehörten. Beobachter vermuteten damals, die der Al-Qaida-Ideologie nahe stehenden Häftlinge hätten den Aufstand begonnen, weil sie sich von der Regierung betrogen gefühlt hätten. Denn diese hatte sie erst ermutigt, in den Irak zu gehen und sie später als Terroristen eingesperrt.

Auffällig ist, dass in den ersten Monaten nach dem Beginn des Aufstandes gegen Assad im März 2011 Hunderte von djihadistischen Häftlingen amnestiert wurden. Der christliche Oppositionelle Michel Kilo ist überzeugt, dass dies Teil einer Strategie war, die friedliche Revolution in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit militanten Islamisten zu verwandeln. Er glaubt auch, dass von den verschiedenen Amnestien des Präsidenten zahlreiche Geheimdienstler profitiert haben, die man zuvor in die Extremisten-Szene eingeschleust hatte.

Dass militante Al-Qaida-Anhänger im Sednaya-Gefängnis regelrecht herangezüchtet wurden, darauf deutet auch ein Bericht hin, der von den syrischen Staatsmedien im Juli 2013 veröffentlicht wurde. Darin wird ein angeblicher Terrorist zitiert, der in seinem „Geständnis“ sagt, sein Onkel und mehrere andere Häftlinge hätten sich während ihrer Zeit im Sednaya-Gefängnis darauf geeinigt, nach ihrer Entlassung gemeinsam den bewaffneten Kampf für die Errichtung eines „islamischen Kalifats“ aufzunehmen.

Die Zusammenarbeit des syrischen Geheimdienstes mit den „Djihadisten“ war besonders in den Jahren 2003 bis 2006 eng. Damals wurde von Damaskus aus die Rekrutierung, Ausbildung und der Transport von Extremisten organisiert, die gegen die US-Soldaten im Irak kämpfen sollten. Berühmtheit erlangte damals der radikale sunnitische Prediger Scheich Mahmud Abu al-Kakaa, der in seinen Predigten für den „Djihad“ im Irak warb, bis er 2007 erschossen wurde. Erst als die Amerikaner 2008 in Syrien einen Stützpunkt der Terroristen bombardiert hatten und mit weiteren Angriffen drohten, sammelte das Regime einige der Rückkehrer aus dem Irak wieder ein. Viele von ihnen landeten im Sednaya-Gefängnis.

Auch Deutschland ist in den Reihen der Djihadisten vertreten

Die selbstgezüchteten Extremisten sind jedoch nur ein Teil des „djihadistischen“ Netzwerkes, das mit Fortdauer der Kampfhandlungen in Syrien militärisch wirksam geworden ist. Der Großteil der ideologisch an Al Qaida und ähnlichen Gruppen orientierten Kämpfer kommt mittlerweile aus dem Ausland. Dem US-amerikanischen Analyseinstitut Stratfor zufolge sollen sich darunter auch 500-600 Europäer befinden. Anfang August brachen außerdem mehr als 500 inhaftierte Al-Qaida-Kämpfer aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak aus und sollen sich Medienberichten zufolge nach Syrien abgesetzt haben.

Auch aus Deutschland haben sich mehrere „Djihad-Touristen“ auf den Weg gemacht, um an der Seite anderer Terrororganisation gegen syrische Regierungstruppen, Kurdeneinheiten oder sogar die Rebellenarmee FSA zu kämpfen. Der bekannteste davon ist der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg”. Der unter dem Kampfnamen „Abu Talha al-Almani” agierende Cuspert soll bei einem Luftangriff vor einigen Wochen verwundet worden sein.

Die ideologische Ausrichtung und die besonders abstoßende Brutalität der Al-Qaida-nahen Gruppen in Syrien schaden vor allem dem Ansehen der regulären Oppositionsbewegungen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass das Assad-Regime deren Aktivitäten mit klammheimlicher Freude quittiert. (dpa/dtj)