Bäume sterben an dem Ort, wo sie zur Welt kamen

Vorgestern gab es von Nazife Şişman einen sehr schönen Artikel auf der Kommentarseite der Zaman. Zusammenfassend geht es um die Bäume in ihrem Leben. Sie erzählt über die Kirschbäume, Apfelbäume und andere Bäume aus ihrer Kindheit.

Sie beschreibt, wie diese Bäume Spuren in ihrer Innenwelt hinterlassen haben, wie sie Freunden wurden, die sie zu dem gemacht hätten, die sie jetzt ist.

Gibt es überhaupt jemanden, der solche Spuren in seinem Leben nicht hat? Bestimmt sind Bäume sogar die Freunde eines Menschen, die bei ihm die meisten Spuren hinterlassen. Als mein Sohn fünf oder sechs Jahre alt war, zeigte er mir einen Baum auf dem Weg und fragte mich, ob dieser Baum Istanbul je gesehen hätte. Bis zu jenem Tag hatte ich – außer bei Bäumen, welche in Baumschulen gepflanzt wurden – nie darüber nachgedacht.

Dass ein Baum keinen anderen Ort auf der Erde sieht und an dem Ort stirbt, wo er geboren wurde, habe ich wahrscheinlich damals zum ersten Mal realisiert und das tat mir so leid. Zu diesem Zeitpunkt erinnerte ich mich an die Bäume aus meiner Kindheit, also an meine Freunde aus der Kindheit…

In deren Namen habe ich eine große Traurigkeit gefühlt. Was für ein Schmerz war das, an dem Ort zu sterben, wo sie geboren waren? Sie verweilen an ihrem Platz und warten darauf, dass wir zu ihnen zurückkehren. Mit Geduld…

Die Ermordung eines Kindheitsfreundes

Doch das eigentlich Traurige war, dass deren Todesurteil zu schnell entschieden wurde. Der Schmerz darüber, zu erfahren, wie Jahre später an einem Morgen meine Freunde aus der Kindheit, Jahrhunderte alte Platanen, für Straßenverbreitungsarbeiten entfernt wurden, war unbeschreiblich.

Haben Sie je unter einer solchen Form der Ermordung ihres Kindheitsfreundes gelitten? Zweifellos ist das Wertvollste im Leben das Leben an sich. Dort, wo es kein Leben gibt, spielen Reichtum oder Existenz gar keine Rolle. Bäume sind gerade in einer Stadt und in der Welt, die man sich darin schafft, eine der wichtigsten Säulen im Leben.

Aus diesem Grund ist das einfache Fällen von Bäumen, deren einfache Eliminierung zum Zwecke der Errichtung von Straßen, Gebäuden oder Einkaufzentren nichts, was das Gewissen eines Menschen einfach so akzeptieren kann.

Seit Tagen wird über die Parkanlage „Gezi-Park“ in Istanbul gesprochen. Der Gedanke an die Bäume, die dort weichen sollen, löst bei jedem Menschen mit einem Gewissen Schmerz aus. In Yenibosna, Bahçelievler werden schon Bäume aus dem einzigen Wald gefällt und daraus ein Parkhaus gemacht, in Florya führt der Waldweg zu einer Autobahn und die Bäume werden für die Errichtung eines Einkaufzentrums und einer Wohnsiedlung eliminiert – dass man sich gegen all diese Maßnahmen stellt, hat eigentlich etwas ziemlich Unschuldiges. Für uns besteht dieses Ereignis aus nichts anderem als aus diesen simplen Fakten.

Während wir darüber sprechen, darf man aber eine andere Wahrheit nicht außer Betracht lassen. Nachdem Recep Tayyip Erdoğan 1994 Oberbürgermeister von Istanbul geworden war, wurde es offensichtlich, dass wir wenig später in einem noch besser bewohnbaren, noch grüneren Istanbul leben.

Einkaufszentren und Wohnsiedlungen ja, aber nicht überall und zu jedem Preis

So, wie die byzantinischen Historiker sagen, „Istanbul hat sich erst mit dem Osmanenreich in Grün gehüllt“, genauso war auch nach diesem Datum das Grün wieder nach Istanbul zurückgekommen. Die sozialen Einrichtungen, welche sich zuvor in den Händen der kommunalen Führungskräfte befunden hatten, wurden für das Volk eröffnet und die Anzahl der Grünflächen wurde um ein Vielfaches erhöht. Fast alle Küsten Floryas wurden in Grünflächen verwandelt. Neue Bäume wurden gepflanzt, die vorhandenen Bäume besser gepflegt.

Das städtische Unternehmen Ağaç A.Ş. hat sehr wichtige Verträge unterschrieben. In weiterer Folge wurden an unterschiedlichen Orten in der Stadt sehr viele Bäume gepflanzt. Dieses staatsbürgerliche, soziale und ökologische Verständnis war auch ein wichtiger Faktor, der erst infolge der Regierungsübernahme Erdoğans und der späteren Arbeit der AKP wirklich zur Geltung kam.

Heute aber herrscht im Volk der Eindruck vor, dieses Verständnis habe sich abgeschwächt, eher wird davon ausgegangen, dass der Bausektor alle grünen Flächen ins Visier genommen hätte. Von Tag zu Tag steigt die Anzahl derer, die glauben, dass die Rolle des staatsbürgerlichen, sozialen und ökologischen Verständnisses von der Idee allgegenwärtiger Einkaufszentren und Wohnresidenzen abgelöst worden wäre.

Allein darum geht es uns. Wir wollen, dass das Leben unserer Kindheitsfreunde geschützt wird. Wer weiß, wessen Lebensbaum jeder gefällte Baum ist. Niemand hat das Recht, diese Bäume zu fällen.