Die Hizmet-Bewegung wird in Deutschland immer sichtbarer. Mit der Gründung der Stiftung für Bildung und Dialog ist nun auch ein offizieller Ansprechpartner vorhanden. Die Medienwissenschaftlerin Rukiye Canli (Foto zweite von links) wirkte seit Planung der Gründung der Stiftung mit. Die Stiftungsgründung ist eine Antwort auf den öffentlichen Diskurs über die Hizmet-Bewegung, bei dem die Medien eine besondere gespielt haben. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Rukiye Canli erklärt im DTJ-Interview, wie lokale Hizmet-Initiativen entstehen und was man in der Vergangenheit hätte besser machen können. Über die Rolle der deutschen Medien sagt sie: „Es gibt Hizmet-Projekte in mehr als 150 Ländern. Darunter gibt es kein einziges Land, in dem die Hizmet-Bewegung durch die Medien so negativ aufgenommen wurden wie in Deutschland, obwohl hierzulande die grundlegenden Arbeitsfelder der Bewegung, Bildung und Dialog, einen hohen Stellenwert genießen.”

Wann ist die Stiftung gegründet worden, was sind ihre Ziele?

Die Stiftung ist im Februar 2014 als rechtsfähig anerkannt worden. Ziel ist es, die Öffentlichkeit über die Beweggründe und die vielfältigen Aktivitäten der Menschen in Hizmet in den Bereichen Dialog und Bildung zu informieren. Gleichzeitig will die Stiftung Impulse für neue Projekte und Konzepte in diesen Bereichen anstoßen. Sie nimmt eine Brückenposition zwischen den Engagierten und der Öffentlichkeit ein, indem sie zum einen die Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Hizmet-Initiativen informiert und den Kontakt zu entsprechenden Personen und Institutionen herstellt, die Auskunft über lokale Initiativen geben können. Zum anderen kommuniziert sie die aus dem Dialog mit der Öffentlichkeit gewonnenen Erkenntnisse in die lokalen Initiativen hinein.

Sie wollen als Stiftung Ansprechpartnerin der Hizmet-Bewegung sein. Wieso?

Es gibt großen Informationsbedarf über die Aktivitäten von Hizmet, und dort, wo es an Informationen oder einer Instanz mangelt, die diesen Bedarf deckt, sind Fehldeutungen geradezu prädestiniert, Fuß zu fassen. Ein Blick auf die Medienberichterstattung der letzten Jahre genügt, um zu sehen, welchen Ausmaß das Medienbild von Hizmet angenommen hat. Freilich gibt es auch ausgewogene Berichte, allerdings sind diese in der Unterzahl. Letztlich ist in der Bewegung erkannt worden, auch im Gespräch mit Partnern und Vertretern aus Medien, Gesellschaft und Politik, dass es einer Instanz bedarf, die direkte Ansprechpartnerin ist.

Warum wird die Hizmet-Bewegung in Deutschland denn so kontrovers diskutiert?

Dafür gibt es nach meinen Beobachtungen mehrere Gründe: Bei der Hizmet-Bewegung handelt es sich um ein Engagement, das seine Wurzeln als Land in der Türkei und als Religion im Islam hat. Das Thema „Religion“, v.a. aber der Islam ist heute ohnehin größtenteils mit Vorbehalten und Ängsten behaftet, was es friedlich gesinnten Muslimen in unserer Gesellschaft nicht immer einfach macht, dagegen vorzutreten. Vorbehalte auch der Bewegung gegenüber sind damit nahezu vorprogrammiert.

Und der andere Grund?

Die Zahl der Aktivitäten in Deutschland, die auf die Bewegung zurückzuführen sind, haben ein sehr schnelles Wachstum erlebt. So etwas kann man weder vorhersehen noch planen. Dieses Wachstum hat erst einmal für Interesse gesorgt. Doch nicht alle in der Bewegung Aktiven sind mit den Ansichten Fethullah Gülens, aus dessen Ideen und Projektarbeiten die Bewegung hervorgegangen ist, vertraut oder fühlen sich der Bewegung gleichermaßen verbunden. Die Bewegung weist eine große Vielfältigkeit auf. Die lokalen Engagierten sind überfordert, wenn sie mit Fragen der Journalisten oder Interessierten konfrontiert werden, beispielsweise wie denn Gülen eigentlich zur Religionsfreiheit stehe.

Was meinen Sie genau, können Sie das weiter ausführen?

Was ich damit sagen will: Ein Lehrer in einer Hizmet-nahen Schule, der lediglich seine Lehrtätigkeit ausübt, ist kaum in der Lage oder daran interessiert, etwas zur Ansicht Gülens zu einem konkreten Thema zu berichten. Um sich in den Dialog- und Bildungsaktivitäten einbringen zu können, muss niemand vorher eine komplette Gülen-Lektüre oder das Wissen über Hizmet in Tansania oder sonst wo vorweisen oder sich als „Anhänger“ bekennen. So etwas gibt es im Übrigen nicht. Zugleich ist es nicht möglich, aus den Initiativen in Berlin auf die in Düsseldorf zu schließen. Jede Initiative agiert eigenständig und unabhängig und kann nur für sich sprechen. Es war keiner da, der für das Ganze offiziell Aussagen treffen konnte. Das ist auch der Grund, warum viele Bildungsvereine, wenn Sie dann auf Hizmet und Gülen angesprochen wurden, sich zurückgehalten haben.

Wieso hat man dann nicht zuerst einen zentralen Ansprechpartner aufgestellt und dann die lokalen Projekte aufgebaut?

Die Hizmet-Bewegung ist keine Bewegung, die von oben nach unten wirkt, sondern umgekehrt. Im Gegensatz zu der politischen Top-Down-Hierarchie, baut sie auf eine Wirkung vom Grund nach oben auf (bottom-up). Deswegen ist sie auch keine politische Bewegung und auch keine Alternative für politische Akteure, weder in Deutschland, noch in der Türkei oder einem anderen Land.

Das hört sich jetzt so an, als ob es nur um lokale Projekte ginge, die nichts miteinander zu tun hätten.

Klar gibt es Personen, die durch das Land reisen und mit Vorträgen für Hizmet werben. Es gibt Zeitungen, Fernsehsender, Bücher, Filme, über die interessierte Menschen Zugang zu der Bewegung und den Ideen Gülens finden können. Ob und wann aber eine lokale Initiative entsteht ist von lokalen Gegebenheiten abhängig und wird nicht zentral organisiert.

Verschiedene lokale Akteure stehen gelegentlich in Austausch, um einen Einblick in andere lokale Aktivitäten zu bekommen. So können Projekte und Konzepte, die sich als erfolgreich bewährt haben, in die eigene Arbeit übertragen werden.

Bei diesem Entwicklungsprozess hat dann die Öffentlichkeitsarbeit keine Rolle gespielt?

In der Tat nicht. Viele Deutschtürken haben sich vor ca. 20 Jahren zunächst für die Anliegen der Diaspora eingesetzt, haben Nachhilfeschulen gegründet. Sie haben, inspiriert von den Ideen Gülens, sich für interreligiösen und interkulturellen Dialog eingesetzt, immer wieder den Kontakt mit allen Teilen der deutschen Gesellschaft gesucht und waren bei all diesen Aktivitäten stets erfolgreich. Es war damit die natürlich Folge einer erfolgreichen Bildungsarbeit von fast zwei Jahrzehnten, dass mehrere Schulen in kürzester Zeit errichtet wurden. Da aber sowohl die regionalen als auch die nationalen Medien diesem natürlichen Entwicklungsprozess wenig Aufmerksamkeit gewidmet haben, entstand ein Informationsdefizit. Im nachhinein muss man wohl eingestehen, dass man den Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit falsch eingeschätzt hat. Dann haben schließlich die zeitlichen, personalen und finanziellen Ressourcen gefehlt, um Öffentlichkeitsarbeit für Hizmet zu betreiben. Es gibt jedoch Hizmet-Projekte in mehr als 150 Ländern. Darunter gibt es kein einziges Land, in dem die Hizmet-Bewegung durch die Medien so negativ aufgenommen wurden wie in Deutschland, obwohl hierzulande die grundlegenden Arbeitsfelder der Bewegung, Bildung und Dialog, einen hohen Stellenwert genießen.

Sie sind auf die Rolle des Hizmet-Diskurses in der Türkei nicht eingegangen.

Klar spielt das auch eine wesentliche Rolle bei der kontroversen Diskussion der Hizmet-Bewegung in Deutschland. Obwohl der Ursprung der Bewegung in der Türkei liegt, hat sie dort eine schwierige Stellung. Gerade in diesen Tagen. Allerdings haben wir es – das ist ganz signifikant – auch diesem Aspekt zu verdanken, dass sich die Berichterstattung in Deutschland über Hizmet zunehmend normalisiert.

* Neben ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Referentin der Stiftung Dialog und Bildung ist Frau Rukiye Canlı weiterhin Doktorandin der Universität Siegen.