Türkische Soldaten nahe der syrischen Grenze. Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Nach Jahren der Funkstille knüpft Erdoğan wieder Kontakte nach Syrien. Die überraschende Wende in der türkischen Syrien-Politik ist auch eine Folge des russischen Einflusses in der Region – und dient einem langjährigen Ziel Ankaras.

Eine führende Rolle auf dem Weg zum Frieden in Syrien, die möchte der türkische Präsident einnehmen. Und nach Jahren der Frontalangriffe Richtung Damaskus schlägt Recep Tayyip Erdoğan neuerdings moderatere Töne an. Plötzlich will er mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad reden.

Das kommt überraschend, hatte Erdoğan doch seit Ausbruch des Bürgerkrieges im Nachbarland 2011 seine radikale Ablehnung der Assad-Regierung zum Ausdruck gebracht. Die syrische Opposition unterstützte er militärisch und hatte sogar keine Skrupel, islamistische Milizen für seine Zwecke einzuspannen.

Syrischer Friedensprozess stockt

Nun sagte sein Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu vor wenigen Wochen jedoch: „Wir müssen die Opposition und das Regime in Syrien irgendwie versöhnen.“ Andernfalls werde es „keinen dauerhaften Frieden“ geben. Und damit hat er nicht Unrecht: Der Friedensprozess stockt. Große Teile der Infrastruktur des Landes sind zerstört. Millionen Menschen wurden vertrieben.

Viele syrische Geflüchtete leben nach wie vor in der Türkei. Und im Jahr vor der Präsidentschaftswahl wächst der Druck der türkischen Wähler, die auf die Heimkehr der 3,7 Millionen Flüchtlinge drängen. Mit der Rückführung der Migranten würde Erdoğan, der innenpolitisch wegen der miserablen Wirtschaftslage ins Hintertreffen gerät, lagerübergreifend punkten.

Erdoğans Ambitionen und der Quasi-Staat „Rojava“

Um die Rückkehr der Menschen zu organisieren, kommt die Türkei aber um Gespräche mit Assads Regierung nicht herum. Doch in Sachen Syrien-Konflikt geht es Ankara geopolitisch um mehr. Und auch Russland spielt eine prominente Rolle in der arabischen Republik. Aber dazu später mehr.

Für Erdoğan ist vor allem der Norden des Landes von Interesse. Dort verfolgt er ein Langzeitziel: die Zerschlagung der kurdischen Kämpfer der YPG, in seinen Augen Terroristen und ein Ableger der PKK. In ihren Quasi-Staat „Rojava“ möchte das türkische Militär einmarschieren und sie mit Waffengewalt bekämpfen. In Teilen schafften es die türkischen Truppen bereits 2020, die YPG zurückzudrängen.

Welche Rolle Russland bei Erdoğans Kehrtwende spielt

Nun will Ankara das gesamte, durch Kurden kontrollierte Territorium einnehmen. Doch ein gewichtiger Akteur hat etwas dagegen: der russische Präsident. Wladimir Putin, der in Syrien militärisch das Sagen hat und mit seinen Truppen den Luftraum des Landes kontrolliert, regte zuletzt bei einem Treffen mit Erdoğan an, dass Syrien und die Türkei eine gemeinsame Lösung für die kurdischen Gebiete im Norden des Landes finden sollten.

Was hinter den türkischen Plänen zur Syrien-Offensive steckt

Auch in der sogenannten Kurdenfrage muss der türkische Präsident nun erkennen: An Assad kommt er nicht vorbei. Für die Kurden in Rojava bedeutet das: Schon bald könnte es für sie (noch) ungemütlicher werden. Dazu passen auch die Verlautbarungen aus Ankara: Zwischen den beiden Ländern habe es bereits erste Geheimdienstkontakte gegeben.