Ein älterer Bosnier schreibt vor dem Bild von Alija Izzetbegovic - cihan

Alija wird oft „weiser König” genannt – dabei war er weise, doch nie ein König. Trotz aller Schwierigkeiten ist es ihm gelungen, Bosnien-Herzegowina zu einem unabhängigen Staat zu machen. In den schwierigsten Zeiten stand er, genau wie ein Vater, mit seinem Volk zusammen. Aufgrund seines umfassenden und tiefen Wissens, mit dem er seinem Volk große Hilfe leistete, nannte man ihn „Alija – der weise König”.

Es gab viele bekannte Persönlichkeiten in der Geschichte der Muslime im Westen. Einer der bedeutendsten Politiker und Staatsmänner des Landes Bosnien war dabei ohne Zweifel Alija Izetbegovic: Ein Vorbild, nicht nur der bosnischen, sondern aller Muslime. Der Held des bosnisch-muslimischen Widerstands während der Besatzung von Sarajevo, der sein Land aus der Völkermord-Hölle Jugoslawiens heraus zur Unabhängigkeit führte. Er starb am 19.Oktober 2003 im Alter von 78 Jahren an einer Herzerkrankung, die er nach einem Sturz in seinem Haus in Sarajevo erlitten hatte.

Alija Izetbegovic war 1925 zur Welt gekommen. Während seiner Jugendjahre schloss er sich der Gruppe der Jungen Muslime (Mladi Muslimani) an, einer Organisation, die für eine Renaissance des Islam unter säkularisierten Muslimen und gegen den Kommunismus kämpfte. Mit 24 Jahren wurde er wegen angeblicher „islamistischer Aktivitäten” zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Die politische Verfolgung ließ ihn jedoch unbeeindruckt. Nachdem er entlassen worden war, studierte Izetbegovic zunächst einmal Jura, dann Agrarwissenschaften. 25 Jahre lang hat er als Rechtsanwalt und in einem Bauunternehmen als Geschäftsführer gearbeitet. Er verfasste das Manifest „Islamische Deklaration” und gab dieses 1970 heraus.

Sein Einsatz für die Religion brachte ihm lange Haftstrafen ein

1980 erschien sein Buch „Der Islam zwischen Ost und West“. Die „Islamische Deklaration“ war von der kommunistischen Zensur verboten worden und galt daher als illegal. Die neuerliche politische Drangsalierung durch das Regime machte Izetbegovic endgültig zu einem Symbol für die islamische Bewegung in Bosnien. Mit der Beschuldigung, die Mladi Muslimani erneut gründen zu wollen, kam er 1983 für 14 Jahre in Haft. Während seiner Haft wurde seine Strafe auf 11 Jahren reduziert. Wenige Jahre vor der Auflösung Jugoslawiens wurde 1988 eine Amnestie deklariert, durch die er seine Freiheit wiedererlangte.

Izetbegovic blieb genau 2075 Tage in Haft, welche für ihn sehr schwer zu ertragen waren: „Es war außerordentlich schrecklich. Sechs Jahre lang konnten wir kaum das Tageslicht sehen. Doch das Schlimmste war, dass wir von unserem Volk isoliert wurden.” Als Izetbegovic an einem Herbsttag zusammen mit seinen mitinhaftierten Freunden das Gefängnis verließ, wurde er von einer großen Menschenmenge begrüßt. Keiner der Freunde wusste, was auf sie zukommen würde.

Anfang der 90er-Jahre erreichten die politischen Unruhen in Jugoslawien ihren Höhepunkt. Die Separationsbestrebungen in den Teilrepubliken wurden von Tag zu Tag stärker. Izetbegovic sah die Auflösung Jugoslawiens voraus. Er gründete deswegen in der Autonomen Republik Bosnien-Herzegowina die politische Partei SDA, die Partei der Demokratischen Aktion. Am 5. Dezember 1990 gewann die SDA die ersten freien Wahlen im damals noch jugoslawischen Teilstaat Bosnien-Herzegowina. Auf diese Weise wurde Alija Izetbegovic zum Präsidenten der Teilrepublik. Doch die Unruhen blieben bestehen.

Aus den Autonomiebestrebungen der Teilrepubliken waren handfeste Unabhängigkeitsbewegungen geworden. 1991 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit, 1992 wurde aus den Trennungskonflikten endgültig ein Bürgerkrieg. Izetbegovic tat sein Bestes, um einen solchen zu verhindern – doch vergeblich, er wurde enttäuscht: „Ich ging nie davon aus, dass man in diesem Jahrhundert, in dem modernen Europa, einen Krieg zulässt, doch habe ich mich geirrt.”

Zwei-Fronten-Überfall auf unabhängiges Bosnien-Herzegowina

Nachdem 1991 Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärt hatten, bot Izetbegovic seinem Volk am 1. März 1992 ein Referendum über die Zustimmung zur Unabhängigkeit an. Die Mehrheit der bosnischen Bürger stimmte der Unabhängigkeit zu – infolge dessen erklärte Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit.

Daraufhin drangen die jugoslawische Bundesarmee sowie paramilitärische serbische und kroatische Verbände in Bosnien ein. Die serbischen und kroatischen Truppen haben vor den Augen der ganzen Welt rücksichtslos und auf grausame Weise tausende Menschen – vor allem Frauen und Kinder – ermordet und vergewaltigt. Lange schwieg Europa zu diesen Verbrechen, auch die USA hielten sich zurück. In der islamischen Welt gab es breite Proteste der Öffentlichkeit, doch von den Regierungen kamen kaum nennenswerte Reaktionen auf diese Ereignisse.

Der von 1992 bis 1995 wütende Krieg hat etwa 100 000 Menschen das Leben gekostet und 2 Millionen Menschen ihre Heimat genommen. In diesen brutalen vier Jahren hat Izetbegovic mit großem Mut und starker Entschlossenheit Führungsstärke und Standhaftigkeit gegenüber der Aggression gezeigt. Während Bosnien bombardiert wurde, blieb er in seinem Land, bei seinem Volk. Er stand mit seinen Soldaten zusammen in den Schützengräben und lebte in Notunterkünften.

Gleichzeitig bemühte er sich auf diplomatischem Wege für den Frieden zu kämpfen. Mit dem Dayton-Abkommen im Jahre 1995 brachte er die brutale Aggression gegen sein Land zu Ende. Das Abkommen beinhaltet unter anderem folgende Beschlüsse: Bosnien und Herzegowina, das sich 1992 für unabhängig von Jugoslawien erklärt hatte, bleibt als souveräner und ungeteilter Staat in den international anerkannten Grenzen bestehen. Bosnien und Herzegowina, so der neue Name, setzt sich aus zwei Teilrepubliken zusammen: der Serbischen Republik mit 49 % und die Föderation von Bosnien und Herzegowina der Bosniaken und Kroaten mit 50 % des Territoriums.

Natürlich war das keine uneingeschränkt zufriedenstellende Entscheidung in Bezug auf das Territorium des Landes, doch es gab keinen anderen Weg, den Krieg zu beenden. „Das kann zwar kein gerechter Frieden sein, doch ist es besser als ein anhaltender Krieg”, so Alija Izetbegovic zum Dayton-Abkommen.

Das bosnische Volk, das mitten in Europa einem Völkermord ausgesetzt war, hatte überhaupt keine Wahl. Erst nach der Opferung hunderttausender Menschenleben konnte das bosnische Volk seine Unabhängigkeit erreichen. Dem Dayton-Abkommen zufolge wurde Izetbegovic ein zweites Mal zum Präsidenten. Bis 1998 führte er dieses Amt fort. Am 19. Oktober 2003 verstarb Izetbegovic.

Nicht nur für die Muslime seines eigenen Landes, sondern für alle Muslime aus Europa, vom Balkan und aus dem Nahen Osten hatte Alija Izetbegovic sich eingesetzt, war für die Verteidigung ihrer Rechte und Manifestation ihrer Identitäten eingetreten. Er hielt der islamischen Welt einen Spiegel vor und rief sie zur Wahrnehmung der eigenen Verantwortung auf, anstatt Hass gegenüber dem Westen zu pflegen. Dies zeigt, was für ein weiser „König” Alija Izetbegovic war – er hatte etwas vom Westen und auch etwas vom Osten: Er war ein europäischer Muslim.

Nicht nur Bosnien, sondern alle Muslime betrauerten seinen Tod. Die Kinder hatten ihren „Dedo” (Großvater) und die Erwachsenen ihren „Babo” (Vater) verloren. Izetbegovic suchte die Weisheit nicht nur im Osten, sondern auch im Westen.