Herausforderungen beider Volkswirtschaften gemeinsam überwinden

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu einer zweitätigen Reise in die Türkei aufgebrochen. Auf dem Programm stehen unter anderem ein Besuch des deutschen Truppenkontingents in Kahramanmaraş sowie politische Gespräche mit Ministerpräsident Erdoğan und Staatspräsident Gül. Doch neben politischen Fragen, wie den Verhandlungen über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei, sollte der Besuch vor allen Dingen zum Anlass genommen werden, die wirtschaftliche Partnerschaft beider Länder zu erneuern und intensivieren. 

GASTKOMMENTAR Der Türkeibesuch der Bundeskanzlerin sollte im Zeichen des Ausbaus der wirtschaftlichen Partnerschaft beider Länder stehen. Die gemeinsamen Gespräche Merkels und Erdoğans mit deutschen und türkischen Unternehmensvertretern sowie das deutsch-türkische Wirtschaftsforum sollten hierzu als Bühne dienen. Deutschland und die Türkei pflegen zwar schon seit langem enge wirtschaftliche Beziehungen. Deutschland ist seit Jahren der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Türkei sowie der größte Lieferant von Industrie- und Investitionsgütern. Und auch aus deutscher Sicht ist die Türkei längst zu einem wichtigen Wirtschaftspartner gereift. So haben sich die Ausfuhren aus Deutschland in die Türkei in den vergangenen zehn Jahren annährend vervierfacht – Tendenz steigend.

Doch gibt es noch zahlreiche ungenutzte Potenziale. Das gemeinsame Ziel muss es sein, unsere Volkswirtschaften fit zu machen für eine komplexer und dezentraler gewordene, von Netzwerken geprägte Ökonomie des 21. Jahrhunderts. Dabei ist insbesondere der Mittelstand gefragt, für den sich immer mehr Chancen gerade im Exportbereich ergeben. Die Politik kann hier wichtige Impulse geben, Kontakte vermitteln und als Initialzünder auftreten.

Horrende Inflationsraten sind passé

Die Türkei hat sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte Schritt für Schritt zu einer modernen Volkswirtschaft entwickelt, die von Unternehmergeist und Optimismus gekennzeichnet ist. Zu Recht zählt das Land zum Club der aufstrebenden Wirtschaftsmächte und reiht sich (neben Mexiko, Indonesien und Südkorea) ein in die so genannte „MIST”-Gruppe, die Goldman Sachs als die vier größten Märkte innerhalb der „nächsten elf” aufsteigenden Schwellenländer ausgemacht hat. Die Probleme der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere die horrenden Inflationsraten und die Abwesenheit einer auf Langfristigkeit und Stabilität ausgerichteten strategischen Wirtschaftspolitik, scheinen im Zuge der ökonomischen Konsolidierung nach der Finanzkrise von 2001 vorerst überwunden.

Dennoch steht das Land vor gewaltigen Herausforderungen. Das Wachstum der vergangenen Jahre ist zu einem wesentlichen Teil konsumgetrieben. Insbesondere das nach wie vor hohe Handelsbilanzdefizit ist Ausdruck dieses Umstands und stellt eine elementare Hürde für die mittelfristige Entwicklung des Landes dar. Vor diesem Hintergrund lautet die vielleicht zentralste Frage: Wie kann die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei nachhaltig gestaltet werden, sprich dauerhaft stabil und ohne die eigene Lebensgrundlage mittelfrisitig zu gefährden? „Nachhaltigkeit“ ist das wesentliche Stichwort im doppelten Sinne, da es ein Problem und gleichzeitig einen Lösungsansatz darstellt.

Seit Jahren stehen Erdöl und Erdgas an erster Stelle bei den Einfuhren in die Türkei. Die Abhängigkeit von Energieimporten ist der wichtigste Faktor im Leistungsbilanzdefizit. Hier muss die Türkei gegensteuern, schließlich wird sich der Energiebedarf in den kommenden zehn Jahren nahezu verdoppeln.

Mit erneuerbaren Energien gegen die Abhängigkeit von Energieimporten

Erneuerbare Energien stellen eine Chance dar, sowohl die Importabhängigkeit der Türkei im Energiebereich zurückzufahren, als auch dem Land zu einer nachhaltigeren Entwicklung zu verhelfen. Deutschland kann hier mit seinem Know-how einen entscheidenden Beitrag leisten. Für deutsche Unternehmen ergeben sich hier eine Vielzahl an Möglichkeiten, schließlich zählen sie zu den Weltmarktführern im Bereich der regenerativen Technologien.

Die gemeinsame Erklärung zur intensivierten Zusammenarbeit in Energiefragen, die der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler und der türkische Energieminister Taner Yıldız am 15. November vergangenen Jahres in Istanbul unterzeichnet haben, hat hierfür den nötigen institutionellen Rahmen geschaffen. Im Anschluss an die Unterzeichnung der Erklärung hat der Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) e.V. einen ersten konkreten Schritt zur Kooperation beider Länder im Energiebereich unternommen mit der Organisation des 2. Deutsch-Türkischen Energieforums—Erneuerbare Energien, das am 13. Dezember 2012 in Istanbul stattfand.

Das Event stieß durchweg auf hohe Zustimmung und konnte bereits erste Erfolge verbuchen. So konnten durch das Zusammenkommen von Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft beider Länder neue Kontakte geknüpft und Impulse zu neuen Projekten im Energiebereich gegeben werden. Dies betrifft auch Technologien, die bislang auf neue Anwendungsbereiche gewartet haben, wie beispielsweise die solare Kühlung. Dabei konnte der BUV bei dem im Vorfeld der Veranstaltung stattfindenden Verbändeforum erstmals die Vertreter beider Länder aus den im Bereich der erneuerbaren Energien tätigen Organisationen zusammenführen und somit auch die Zivilgesellschaft miteinbinden.

Die intensivierte deutsch-türkische Kooperation verspricht ein Erfolgsmodell im 21. Jahrhundert zu werden und muss deshalb unbedingt weitergetrieben werden. Die Grundlage hierfür ist durch inzwischen nahezu 5 000 in der Türkei tätigen Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung bereits gegeben. Zudem haben sich auch die Investitionen türkischer Unternehmen in Deutschland in den letzten Jahren stark erhöht. Nun gilt es, neue Partnerschaften zu gründen und die Stärken beider Seiten zu kombinieren, um gemeinsam neue Geschäftsfelder zu erobern.

Chance für den Mittelstand

In diesem Prozess ist immer mehr auch der Mittelstand angesprochen. Dies gilt explizit für beide Seiten. Gerade deutsche Unternehmen können von mehr Zusammenarbeit mit ihren türkischen Pendants enorm profitieren. Schließlich existiert inzwischen eine neue türkische Unternehmerschicht, die international bestens vernetzt ist und zahlreiche Kontakte, insbesondere in neue Wachstumsmärkte, etwa im Nahen Osten und in Afrika, unterhält. Für deutsche Waren und Dienstleistungen ergeben sich hier eine Vielzahl neuer Perspektiven.

Den über drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland kommt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle zu, denn aufgrund ihrer Zweisprachigkeit, ihrer Versiertheit in beiden Kulturen sowie ihrer Kontakte in die Türkei können sie als Brückenbauer fungieren und eine Mittlerrolle beim Aufbau neuer Projekte übernehmen. Diese Potenziale müssen wir verstärkt wahrnehmen und besser nutzen.

Am Ausbau dieser strategischen Wirtschaftspartnerschaft muss beiden Seiten gelegen sein. Die Politik sollte hier gezielte Akzente setzen. Ein erster konkreter Schritt könnten etwa Zugeständnisse bei der Einreisepraxis in die EU sein. Die Türkei fordert zu Recht seit Jahren eine erleichterte Visavergabe für türkische Staatsbürger bei Reisen in die Schengen-Länder. Bislang haben selbst türkische Geschäftsleute, die in Deutschland investieren möchten, häufig Schwierigkeiten ein Visum zu erhalten. Der Besuch Angela Merkels wäre hierfür der richtige Zeitpunkt.

Autoreninfo: Önder Kurt ist Generalsektretär des in Berlin ansässigen Bundesverbands der Unternehmervereinigungen e.V.