Ogün Samast 2011, umgeben von türkischen Sicherheitskräften, die ihm beim Aussteigen aus einem Gefangenentransport helfen.
Der wegen des Mordes am „Agos“-Chefredakteur Hrant Dink verurteilte Ultranationalist Ogün Samast hat angedeutet, über mögliche Mitwisser auszupacken. Er wandte sich an einen Staatsanwalt, die Vernehmung begann am Freitagmorgen.

Der im Jahre 2011 des Mordes am armenisch-türkischen Schriftsteller Hrant Dink schuldig gesprochene und zu 21 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte türkische Ultranationalist Ogün Samast wird als Zeuge im Rahmen einer weiteren Ermittlung zu dem Mordfall aussagen. Am 17. Januar 2007 wurde Dink am helllichten Tag nahe des Verlagsgebäudes der von ihm geleiteten armenisch-türkischen Wochenzeitung „Agos“ erschossen.

Der wegen des Mordes an Dink verurteilte Samast wurde am Freitagmorgen aus dem Kandıra-Gefängnis ins Çağlayan-Gerichtsgebäude gebracht, um dort als Zeuge auszusagen. Samast hatte von sich aus in einem Brief an Staatsanwalt Yusuf Hakkı Doğan dargelegt, dass er über den Mord sprechen wolle. Der Staatsanwalt entschied daraufhin, ihn als Zeugen vorzuladen. Die Polizei traf vor allem im siebten Stockwerk des Gerichtsgebäudes, wo die Vernehmung durch Doğan stattfinden soll, strengste Sicherheitsvorkehrungen.

Ultranationalist verurteilt, weil er Samast angestachelt hatte

Im Rahmen der selben Ermittlungen sagten bereits zwei frühere Chefs des İstihbarat Dairesi Başkanlığı (Geheimdienstabteilung des Nationalen Polizeipräsidiums) – Sabri Uzun und Ramazan Akyürek – und der frühere Polizeichef Ali Fuat Yılmazer als Zeugen aus. Auch weitere Persönlichkeiten aus dem Verwaltungs- und Sicherheitsapparat sollen im Rahmen der Ermittlung noch aussagen, darunter der früherer Polizeipräsident von Istanbul, Celalettin Cerrah, der ehemalige stellvertretende Gouverneur von İstanbul, Ergun Güngör, und İlhan Güler, der frühere Leiter der Geheimdienstabteilung der Polizei von İstanbul.

Samast und 18 weitere Personen wurden im Zusammenhang mit dem Attentat auf Dink angeklagt. Während des Verfahrens hatten die Anwälte der Familie Dink und mehrere Nebenkläger Beweismittel eingebracht, die als Indizien dafür gelten, dass  Samast möglicherweise nicht alleine gehandelt hat. Mittlerweile wurde ein weiterer Verdächtiger, der Ultranationalist Yasin Hayal, zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hat nach Ansicht des Gerichts Samast zur Ermordung Dinks angestiftet. Erhan Tuncel hingegen, der als Informant des Polizeipräsidiums von Trabzon fungierte und das Komplott zur Ermordung des Schriftstellers initiiert haben soll, wurde hingegen freigesprochen.

Im September 2013 erhob eine der Anwältinnen der Angehörigen Hrant Dinks schwere Vorwürfe gegen den türkischen Geheimdienst Millî İstihbarat Teşkilâtı (MİT). Dieser soll einen Mordauftrag gegen den Schriftsteller in einem ominösen Dokument erteilt haben, das in Aleppo deponiert worden war.