„Was kommt danach?“ „Fängt der Streit erst richtig an?“ „Auch Richterinnen mit Kopftuch?“ Das sind Fragen, die heutzutage manche deutsche Medien bezüglich des Kopftuch-Urteils vom Bundesverfassungsgericht gerne stellen. Sie haben auch Politiker, die ihnen zur Hilfe eilen, um mit ihren Äußerungen solche Fragen noch interessanter zu machen.

Die designierte Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln, Franziska Giffrey, gehört auch zu denjenigen Politikern, die mit ihrer Wortauswahl versuchen, die Aktualität und den Glanz von Kopftuch-Fragen aufrechtzuerhalten. Giffrey tat dies mit ihrem Hinweis auf all die entsetzten Schuldirektoren mit Sorgen um Neutralität und Schulfrieden. Ihr sei bis heute kein Schulleiter begegnet, der über das BVG-Urteil nicht entsetzt sei, sagte sie der „Welt am Sonntag“: „Und wenn mir so viele Leute sagen, dass wir ein Problem haben, dann gehe ich mal vorsichtshalber davon aus, wir haben eins.“

Dabei blieben die entsetzen Frauen mit Kopftuch aus, die, trotz des Urteils, Sorgen um ihre Zukunft haben. Weder sprach Giffrey dieses Thema an, noch wurde sie von der Zeitung diesbezüglich gefragt.

Schulämter tragen Problem in die Schulen

Die Journalistin Heide Oestreich spricht hingegen von Schulämtern, die die Probleme in die Schule tragen. „Die Schulämter haben gesagt, da haben wir jetzt ein Problem mit unserem Neutralitätsgebot. Die Schulen selber haben immer die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, über diese ganzen Urteile, weil sie sagten: Wir hatten noch nie mit dieser Frau ein Problem!“ sagte sie beim Deutschlandradio im Gespräch mit Kirsten Dietrich.

Doch was bedeutet das Neutralitätsgebot? Kann das Kopftuch mit dem Kreuz verglichen werden? Für Oestreich ist die Schule in Deutschland sowieso nicht säkular, weil die Schüler Religionsunterricht, Schulgottesdienste und in Bayern Kruzifix an den Wänden haben. Falls das Kopftuch mit dem Kreuz vergleichbar wäre, dann hätten wir wiederum ein Problem mit der Gleichstellung des Islams, so die Autorin von „Der Kopftuchstreit“.

Havva Temirlenk sieht es auch ganz anders mit der Neutralität des Staats. Sie möchte Lehrerin werden und empfindet das Kopftuch als eine Stärkung ihrer Spiritualität und Teil der religiösen Kleidungsvorschriften im Islam. Eigentlich sei niemand neutral. „Wenn man mit Schülern spricht, können die von ihren Lehrern meistens sehr genau sagen, für welche Haltung sie stehen. Aber ich gehe ja nicht in die Schule, um Werbung für den Islam zu machen, sondern um den Schülern Deutsch und Englisch beizubringen“, sagte sie dem Weser Kurier. Es stört die Bremerin, dass immer nur über Gefahren gesprochen wird, die von Lehrerinnen mit Kopftuch ausgehen sollen. „Alle reden über Risiken, niemand redet über Ressourcen. Wenn zum Beispiel eine Schülerin von ihren Eltern gezwungen wird, Kopftuch zu tragen, dann könnte ich mich als Lehrerin mit Kopftuch sicher leichter für diese Schülerin einsetzen, weil ich mit dem Thema vertraut bin und mich die Eltern vielleicht eher respektieren“, erklärt sie.

Wie Giffrey will auch die Welt-Autorin Andrea Seidel keine Ressourcen unter dem Kopftuch. Das Kopftuch sei und bleibe ein Symbol der Unfreiheit, urteilte sie in ihrem in Welt, Berliner Morgenpost und Tagesspiegel erschienenem Artikel.