Hacer Yıldırım (34) ist eine von vielen Frauen in der Türkei, die unmittelbar nach einer Geburt verhaftet werden oder in Haft bleiben sollten. Diese menschenfeindliche Praxis wendet die türkische Regierung gegen Oppositionelle an. Nun wurde der Druck der Öffentlichkeit erstmals belohnt: Die Frau im Wochenbett kam überraschend frei, bevor ihr Handschellen angelegt wurden.

Der türkische Justizminister Abdülhamit Gül hatte jüngst eine große Justizreform in der Türkei angekündigt. Angesichts der aktuellen Ereignisse und dem jüngsten Kommentar von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zum Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Fall von Selahattin Demirtaş sind Zweifel an der Reform angebracht.

Dies machte auch Gökçe Fırat, Vorsitzender der türkischen Ulusal-Partei, mit seinem jüngsten Tweet deutlich. „Eine Frau, die kürzlich ein Kind zur Welt gebracht hat, ins Gefängnis schicken! Die Grausamkeit war nicht mal Nimrod gegönnt… Ist solchen Leuten eine Justizreform zuzutrauen?“, schrieb der Politiker. Unter seinem Eintrag ist eine Frau im Krankenbett zu sehen, an deren Zimmertür ein türkischer Polizist mit Maske wacht.

Hacer Yıldırım mit Polizei bei der Geburt

Das herzzerreißende Bild zeigt Hacer Yıldırım. Ihr Bruder Ramazan Gözel postete das Bild, versehen mit den Worten: „Meine Schwester hat soeben im Ankara Keçiören Medikal Park Krankenhaus entbunden. Hacer Yıldırım. Ihr Baby hat Wasser in den Lungen und muss auf die Intensivstation. Die Polizei wartet an der Tür, um sie zu verhaften.“

Und wieder war es der HDP-Politiker und Menschenrechtsaktivist Ömer Faruk Gergerlioğlu, der das Posting einem größeren Publikum zugänglich machte. Der Politiker kämpft quasi im Alleingang und unermüdlich gegen die unzähligen Menschenrechtsverletzungen der AKP-MHP-Regierung. Häufig trifft die grausame Seite dieser Regierung auch Frauen, die erst kürzlich entbunden haben.

Eine Welle der Solidarität für Yıldırım

„Alte Gewohnheiten im neuen Jahr… Sie wollen schon wieder eine Mutter im Wochenbett verhaften. Das wievielte Mal ist das?“, twitterte Gergerlioğlu. Unmittelbar danach brach in den sozialen Medien eine Welle der Solidarität aus. Gemeinsam mit Gergerlioğlu machten Journalist:innen wie Cevheri Güven und Aktivist:innen wie Arlet Natali Avazyan für die junge Mutter mobil.

Diese Solidaritätsaktion brachte schließlich den Erfolg: Yıldırım kam nicht in Gewahrsam. Die Staatsanwaltschaft von Ankara äußerte sogar ihr Unverständnis für die Proteste, da die Frau nicht verhaftet worden sei. Gergerlioğlu fragte indes die Staatsanwaltschaft Ankaras, warum die Frau dann neun Stunden unter polizeilicher Aufsicht bleiben musste.

Staatsanwaltschaft: Mutter zweifache ByLock-Nutzerin

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Die Staatsanwaltschaft Ankara gab an, dass die 34-jährige Mutter 2019 aus ihrem Dienst beim Sozialversicherungsamt SGK entlassen wurde, weil sie zweifache ByLock-Nutzerin sei. Daraufhin sei nach der Frau gefahndet worden. Als sie der Geburt wegen in das private Krankenhaus in Ankara Keçiören eingeliefert wurde, sei sie um eine Aussage zu dem Vorwurf gebeten worden. „Insofern sind die Äußerungen in den sozialen Medien unwahr“, sagte die Staatsanwaltschaft.

Die Familie Yıldırım leidet unter den Repressalien. Ihr Ehemann ist ein per Dekret entlassener Lehrer. Dasselbe Schicksal erleiden in der Türkei zehntausende Personen, die als KHK‚ler bezeichnet werden. Lesen Sie hier mehr über diese Personen, die an den Rand der türkischen Gesellschaft gedrängt werden.