Letzte Woche fand an drei Tagen (6.-8.10.14) der 5. Bundesfachkongress Interkultur 2014 in Mannheim unter dem Motto „Heimaten bewegen“ statt. Die Location war wunderbar, die eingeladenen Referentinnen und Referenten hochkarätig, vielfältig und zur rechten Zeit am rechten Ort. Experten aus den entscheidenden Sparten wie Kunst, Kultur, Bildung und Politik hatten sich in der Kulturstadt Mannheim versammelt. Ihnen lagen jene Integrations- und Einwanderungsthemen auf dem Herzen, die ich schon tausendmal durchgekaut zu haben meine, und welche trotzdem im Laufe des Kongresses neue Schatten warfen, aber auch neues Licht erhielten. „Heimaten bewegen“ wollten sie. Und haben dies auch geschafft.

Die neue Erzählung von einem neuen Europa hin zu einer neuen Welt

Begrüßt wurden die Teilnehmenden durch Dr. Peter Kurz (Oberbürgermeister der Stadt Mannheim) und Frau Bilkay Öney (Ministerin für Integration des Landes Baden-Württemberg). Danach begann die eigentliche „neue Erzählung“ durch Jagoda Marinic, eine Schriftstellerin, die den Roman „Restaurant Dalmatia“ verfasst hatte und Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Heidelberg ist. Die politische Note gab Aydan Özoğuz (Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration) dem Kongress. Auch weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Persönlichkeiten aus Kunst und Lehre füllten die Inhalte dessen, was es bedeutet, einen Prozess mit einer „neuen Erzählung“ zu füllen und ein wahres Querdenken zu etablieren, das keine Ausgrenzungen mehr kennt.

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Özoğuz betonte in ihrem Vortrag, dass eine Einwanderungsgesellschaft stets eine Aushandlungsgesellschaft sei und fragte, ob es nichts Bedeutsameres in Deutschland zu debattieren gebe, als darüber, ob Kopftücher in katholischen Krankenhäusern nun verboten werden müssten. Insgesamt hätten wir hier in Europa ein Vertrauensproblem.

Auf die Frage, aus welchem Grund die Teilhabe von Partizipationswilligen wie beispielsweise muslimischer Communities in Deutschland so schwierig sei, berichtete Özoğuz in der Podiumsdiskussion, den Trägern sei nicht immer klar, dass Teilhabe und Partizipation auch immer bedeuteten, von vorhandenen finanziellen Ressourcen etwas abgeben zu müssen. Das Geld sei zu konzentriert auf wenige Hände in Deutschland.

Distinktionstrennlinien aufbrechen

Marinic stützte diese These: „Privilegien sind grundsätzlich ein Problem in der Gesellschaft“, untermauert sie, „da gibt es Leute, die haben eine Welt geschaffen und sie gestalten diese, wie sie ihnen gefällt, und die ist ja nicht mal bezüglich des Geschlechts durchlässig, und jetzt kommen diese Massenkulturen, die wir auch noch in Vielfalt zerspalten.“ Mit dem Begriff „Vielfalt“ zu arbeiten sei laut Marinic deshalb nur bedingt angemessen – sie selbst arbeitet mit diesem –, jedoch vertritt sie auch gleichzeitig die Meinung, sie berge die Gefahr, dass das die einzelnen Gruppen nicht zusammenbringe, sondern jeden für sich selber kämpfen lasse. Deshalb sei die Frage, wie Deutschland den Zusammenhalt und die Einheit durch die Vielfalt schaffen möchte.

Eine Lösung bietet sie den Betroffenen jedoch an: „Selbstverständnis ändern und in der breiten Öffentlichkeit kommunizieren, bis es entscheidungsrelevant wird“, fordert Marinic. Sie sei selbst auf der Suche nach einer „neuen großen Erzählung“, die sie gerade mit benennt und die in ihrer Vision bereits zu existieren scheint – aber die (noch) nicht bei denjenigen Menschen, die die Entscheidungsträger bilden, angekommen sei, weshalb sie deshalb selbst noch mit Begriffen wie „Vielfalt“ arbeiten müsse.

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Dies sei nach wie vor erforderlich, um Menschen, die sie erreichen möchte, dort abzuholen, wohin sie durch die Mediendarstellungen und ihre Benennungen gebracht wurden. Oder weil die entscheidende Gesellschaft – die Eliten, wie Marinic sie nennt – nicht bereit für ihr Verständnis dieser neuen Erzählung von Heimaten und Heimat ist. Wenn man nach den Namen der Eliten, die die Kulturpolitik definieren, schaue, dann kämen höchst selten Namen wie Özoğuz, Marinic oder Öney zu Tage. Und das störe sie immens. Denn dass diese Namen hier auf solch einem Kongress zusammentreffen, sei ja nur, weil es um Interkultur gehe, während das selten bei anderen Themen anzutreffen sei. Aber um den Begriff nicht mehr nutzen zu müssen, müssten sich erst einmal Strukturen ändern, und auch die Kulturorte wie das Theater, das Publikum im Theater, die Bühne und das Licht müssten sich ändern.

Buntes Fachforen-Programm

Auch am Tag 2 wurde in den Fachforen, die wie Workshops aufgebaut waren und von morgens 10 Uhr bis abends etwa 17:30 Uhr andauerten, über Themen von gelebter Vielfalt, über Heimaten, die in Künsten verankert seien, über Vernetzung der postmigrantischen Gesellschaft bis hin zur kulturellen Stadtentwicklung, Stadtpolitik und um Rassismuskritik gesprochen.

Für mehr Öffnung und Flexibilität der deutschen Bildungslandschaft

Am Tag 3 berichteten die Referentinnen und Referenten des Kongresses, wie Potenziale stärker genutzt werden könnten, statt nur Schwächen auszugleichen. Professorin Dr. Havva Engin (Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg), Dr. Ulrike Freudlieb (Bürgermeisterin der Stadt Mannheim), Franz Jentschke (Direktor der Gesamtschule Bremen-Ost), Helmut Kehlenbeck (Oberschulrat, Bildungsbehörde Bremen), Barbara Meyer (Leiterin des Internationalen Jugend-Kunst- und Kulturhauses Schlesische 27, Berlin) und Maria Ringler (Referentin für Interkulturelle Beratung und Bildung, Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., Frankfurt), also eine Reihe wichtiger Akteure der Bildungslandschaft, verliehen bildungsrelevanten Inhalten eine pointierte Stimme. Der Appell ging vor allem in die Richtung, dass institutionelle Diskriminierung und Sprachhierarchien aufgehoben werden und Mehrsprachigkeiten stärker genutzt werden müssten.

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„Es kann nicht sein, dass mehrsprachige Kinder erst einsprachig gemacht werden, damit sie mit den einsprachigen Kindern wieder mehrsprachig gemacht werden können. Das kann so nicht weitergehen“, erinnert Havva Engin, die neben ihrer Lehrtätigkeit an der Hochschule in Heidelberg auch das Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik leitet. Auch sie sei gegen das Benennen vermeintlich kategorial einzustufender Gruppen: „Wir müssen aufhören, von Sondergruppen zu sprechen!“, betont sie und weist darauf hin, dass eine längerfristige Veränderung des kommunalen Bildungssystems möglich sei und die Stadt Mannheim mit ihrem Projekt als Vorbild diene.

Über den 5. Bundesfachkongress Interkultur, welcher Begleitung in Form eines reichhaltigen kulturellen Rahmenprogramms fand, könnte man noch Seiten füllen. Nennen möchte ich dennoch einige Namen, die mir sehr wichtig sind und die Heldenhaftes geleistet haben: So sollen Persönlichkeiten wie Heinz Ratz, James Long und Maiko Bae Yamamoto, Johannes Kiefer, Kübra Gümüşay, Franz Jentschke, Maria Ringler und die Verantwortlichen für die Veranstaltung Sabine Schirra, Semira Soraya-Kandan und Rolf Graser nicht unerwähnt bleiben sowie alle anderen, die an diesem Kongress teilgenommen haben.

Für mehr Informationen über die Inhalte und Referenten des Kongresses einfach auf die Website des 5. Bundesfachkongresses Interkultur klicken und die Artikel der Blogger des Kongresses, die während der bezeichnenden Tage kräftig mitgetippt und berichtet haben, lesen:

5. Bundesfachkongress Interkultur 2014 Mannheim

Nachträglich kann auch über den Hashtag #bufakointerkultur2014 nachgelesen werden, was die Teilnehmenden vor Ort bewegt hat.