Masud Barzani - cihan

Experten sprachen bereits davon, dass die Kurden zu den Gewinnern der Krise gehören würden. Doch innerhalb des kurdischen Lagers nehmen die Spannungen zu. Die Gefahr ist nun, dass die syrischen Kurden – genau wie die fragmentierte syrische Opposition – in interne Machtkämpfe verwickelt werden.

Die türkische Zeitung Sunday’s Zaman berichtete am Sonntag, dass die Spannungen zwischen dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan (KRG), Masud Barzani, auf der einen Seite und der in Syrien aktiven kurdischen „Partiya Yekitîya Demokrat“ (dt. „Partei der Demokratischen Union“, Kürzel PYD) auf der anderen Seite deutlich zunehmen. Die PYD gilt als syrischer Arm der PKK und verfügt über einen schlagkräftigen militärischen Arm, die Yekîneyên Parastina Gel (dt. Volksverteidigungseinheiten, Kürzel YPG).

Die Spannungen zwischen der PYD und kleineren kurdischen Parteien in Syrien, die von Barzani unterstützt werden, sind nicht neu. Doch in Anbetracht der Situation, dass der militärische Arm der PYD, die YPG, in den letzten Monaten große militärische Erfolge gegen al-Qaida-nahe Rebellenbrigaden im Nordosten Syriens erringen konnte und seine Macht in den eroberten Gebieten nun auch über die dort lebenden Kurden festigen will, reagierte Barzani.

PYD und Barzani streiten um die Macht in Syrien

Der Vorwurf Arbils an die PYD: sie schrecke auch vor Gewalt gegen andere kurdische Gruppen nicht zurück, um ihre Machtposition in Syrien zu sichern.

Der Experte für türkische Außenpolitik und Direktor der Çanakkale Onsekiz Mart Üniversitesi (ÇOMÜ), Sedat Laçiner erklärte in der türkischen Zeitung Sunday’s Zaman, dass die syrischen Kurden uneinig seien: „Es besteht ein ernsthafter Gegensatz zwischen Barzani und der PYD, dieser Gegensatz existiert schon seit Jahrzehnten. Barzani will der Führer aller Kurden in der Region sein. Die PYD und Barzani streiten (nun) um die Macht in Syrien.“

Um die politischen Verbindungen der beiden kurdischen Lager aufzuzeigen, analysierte Laçiner: „Es gibt eine Bagdad-Damaskus-PKK-Achse. Ihr gegenüber steht eine KRG-Ankara-Washington-Achse.

Medienberichten zufolge rief Barzani kürzlich den Co-Vorsitzenden der PYD, Salih Muslim, in den Nordirak, um ihm dort eine scharfe Warnung zu überbringen, nachdem die PYD den Druck auf die syrischen Kurden erhöht hatte. Barzani soll Salih Muslim dem Bericht der Sunday’s Zaman zufolge nicht mehr als kurdischen Führer, sondern als Kollaborateur mit Baschar al-Assad und als Werkzeug dessen Regimes ansehen.

Die Spannungen seien weiter eskaliert, als Barzanis Anhänger Salih Muslim nicht in den Nordirak einreisen ließen.

Kurdische Kämpfer in Syrien - dha

Türkei: An der Seite Barzanis gegen die PYD?

Die Türkei unterhält gute Beziehungen mit der Regierung im Nordirak.

Ankara wurde lange beschuldigt, al-Qaida-nahe Rebellengruppen in Syrien zu unterstützen, um die Macht der syrischen Kurden in Schach zu halten und deren Kontrolle über wichtige Grenzübergänge wie Ra’s al-‚Ayn/Ceylanpınar und Tall Abyad/Akçakale zu verhindern. Doch in den letzten Monaten mehren sich die Anzeichen für eine langsame Annäherung auch zwischen Ankara und der PYD.

So reiste PYD-Führer Saleh Muslim bereits im Sommer in die Türkei und sprach dort unter anderem mit dem Chef des türkischen Geheimdienstes.

Beril Dedeoğlu, Dozent an der Galatasaray Universität in Istanbul, sagte in Bezug auf das Verhältnis zwischen der Türkei und den syrischen Kurden, dass das Szenario eines innerkurdischen Konflikts, welcher der Türkei politisch in die Karten spielen würde, wahrscheinlicher sei als ein Zusammenschluss der PYD und Barzanis gegen Ankara. „Die Türkei sollte jedoch zwischen den beiden Gruppen vermitteln. Das würde (der Türkei) weit mehr Vorteile bringen, als von den (politischen) Auswirkungen des innerkurdischen Gegensatzes zu erhoffen ist“, sagte Dedeoğlu Sunday’s Zaman.

Die Türkei und Barzani vertreten in Bezug auf die Situation im Nordosten Syrien einen ähnlichen Standpunkt. Beide lehnen eine von der PYD favorisierte, einseitige Autonomieerklärung ab. „Die PKK arbeitet an einer gewaltsamen Errichtung einer Kurdenregion in Syrien. Für die Türkei ist das ein beunruhigendes Szenario, da ein politisches Gebilde ähnlich der Autonomen Region Kurdistans im Nordirak dann auch in Syrien entstehen würde“, erklärte Laçiner. Der Politikexperte sagte darüber hinaus, dass der Kampf der PYD gegen al-Qaida-nahe Gruppen in Syrien Ankara durchaus nutze, da die mächtige kurdische Miliz YPG all ihre Kräfte auf diesen Kampf konzentrieren muss. Militärische Aktionen der YPG gegen oder sogar in der Türkei würden so verhindert.

PYD wichtiger Akteur – auch für die Türkei

Barzani unterstützt in Syrien kleinere kurdische Parteien, so etwa die „Partiya Demokrata Kurdistan a Sûriye“ (Demokratische Partei Kurdistan-Syrien, Kürzel PDK-S). Im Herbst 2011 initiierte Barzani außerdem die Gründung des Oppositionsbündnisses „Kurdischer Nationalrat“, in dem auch die PDK-S vertreten ist. Die Türkei unterstützt das Oppositionsbündnis ebenfalls.

Um blutige innerkurdische Machtkämpfe zu verhindern, bewirkte Barzani ein Abkommen zwischen dem „Kurdischen Nationalrat“ und der PYD. Die beiden rivalisierenden Blöcke arbeiten im sog. „Hohen Kurdische Komitee“ zusammen und etablierten eine gemeinsame kurdische Militärführung. Das „Hohe Kurdische Komitee“ erfährt dem Bericht der türkischen Zeitung zufolge von Ankara jedoch keine Unterstützung.

Das Erstarken der syrischen Kurden während der aktuellen Krise hat die PYD zu einem wichtigen Akteur auch auf politischer Ebene gemacht und die Türkei sollte vermeiden, die PYD politisch zu isolieren. Denn ein solcher Versuch könnte die mächtige kurdische Gruppe einerseits zu militärischen Aktionen gegen die Türkei provozieren und andererseits in die Arme anderer Mächte treiben. Denn auch der Iran buhlt um die Gunst der stärksten kurdischen Fraktion in Syrien, der PYD.