Man kann nicht Stalin und Gandhi zugleich sein

Von Ekrem Dumanlı

In der Türkei folgt eine Krise auf die nächste. Das erschwert es, aus jener, die gerade überwunden werden konnte, Erkenntnisse oder Lektionen zu gewinnen. So gäbe es zum kürzlich beendeten Hungerstreik so vieles zu sagen, doch bleiben alle bei dem, was sowieso schon wissen oder aus ihrer Sicht eben zu wissen meinen.

Zunächst sollte man folgendes ins Gedächtnis rufen; in der Geschichte haben diejenigen, die für Recht und Freiheit plädieren – oder zumindest für das, was sie darunter verstehen -, sich stets für eine von zwei grundlegenden Methoden entscheiden müssen. Entweder haben sie ohne jede Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit auf Terror und Anarchie gesetzt oder aber sie haben ihre Rechte kompromisslos, aber strikt legalistisch und friedlich eingefordert, wie es die Demokratie vorsieht. Es ist jedoch unmöglich, beide Methoden gleichzeitig anzuwenden. Man kann nicht Terror als Mittel einsetzen und gleichzeitig von Demokratie sprechen.

Hätte beispielsweise Mandela nicht die Waffen niedergelegt und sich der Demokratie zugewandt, würde man ihn heute nicht ehren. Und auch die PKK wird sich selbst Fragen stellen müssen: Wie kann man nur Frauen und Männer töten, nicht einmal Kinder und alte Menschen schonen, sich quer durch die Zivilgesellschaft morden und dann auch noch so tun, als würde man als eine respektable NGO arbeiten? Das ist genauso, als würde man tagsüber als Mensch auftreten, nachts aber zum Wolf mutieren. Es entbehrt jeglicher Glaubwürdigkeit.

Gewalt gebiert nur Gewalt

An der Brust von Gewalt und Schrecken nährt man nur Pharaonen, Tyrannen und Diktatoren. Wenn Friedensbotschaften von Menschen kommen, die friedliche Methoden anwenden, so gewinnt die Geschichte Helden. Wo aber die Ideologie als Selbstzweck die Gewalt als Mittel heiligt, gebiert sie Schurken.

Stalin hat eine Ideologie für heilig erklärt und 40 Mio. Menschen in ihrem Namen ermorden lassen. Bei Mao spricht man von 45 bis 70 Mio. Opfern. Hitler kann sich gleich anreihen, vielleicht nicht ganz von der Anzahl der Opfer her, wohl aber hinsichtlich der Brutalität und Unmenschlichkeit, mit der er sie in den Tod schickte. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Gandhi hingegen hat sich gegen Gewalt entschieden, sein Aufschrei war lautlos und er hat damit ein ganzes, weltweit mächtiges Königreich in die Knie gezwungen. Martin Luther King hat keine einzige Kugel abgefeuert, um das Recht der unterdrückten, verachteten und diskriminierten Afroamerikaner zu verteidigen, doch er hat es geschafft, die Dogmen und die machiavellistischen Eigenheiten, die sich auch ins freieste System der Geschichte fressen konnten, umzustürzen.

Sowohl die PKK als auch ihre Anhänger, Sympathisanten und auch diejenigen, die sich versprechen, sie würden, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen wäre, vom Kuchen etwas abbekommen, versuchen ihre Methoden für angemessen zu erklären. Sie schlagen, töten, bombardieren, fackeln Schulen ab und wollen gleichzeitig Sympathiepunkte sammeln, als wären sie Friedensstiftungen oder Non-Profit-Organisationen. Die Menschen fragen sich, warum ein einzelner Mann im Gefängnis von Imrali zwar durchaus in der Lage ist, einen Hungerstreik zu beenden, aber angeblich keinen Einfluss darauf nehmen kann, dass Schulen abgebrannt und unschuldige Zivilisten entführt und getötet werden. Warum spielt Imrali dort keine Rolle? Warum konnte kurz nach der Beendigung des Hungerstreiks nicht auch der Angriff in Hakkari zurückgepfiffen werden? Eine solche Willkür ist innerhalb eines solchen Kampfes allerhöchstens als Befriedigung eines pharaonenmäßigen Egos zu bewerten.

Terroristische Doppelmoral

Und es kann einfach nicht wahr sein! Wie kann man einerseits einen Hungerstreik beginnen und den Menschen glaubhaft machen, dass sie die zu Bemitleidenden sind und andererseits ungeachtet der Angst und der Tränen von Kleinkindern Schulen abfackeln? Wie kann man 50 Tage lang hungern, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machen, um Mitleid erregen zu wollen und gleichzeitig Supermärkte in Brand setzen? Und wenn dort zwei Kinder um ihr Leben bangen, sich vor Angst umarmen und versuchen, dem Feuer zu entrinnen, wie kann man etwas als eine nötige Aktion im Rahmen des bewaffneten Kampfes bezeichnen? Sie handeln gemäß dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Menschenleben haben bei einer solchen Sichtweise keinen Wert.

Auf der einen Seite an die Emotionen der Menschen durch einen Hungerstreik appellieren – auf der anderen Seite Molotowcocktails auf unschuldige Menschen werfen und diese bei lebendigem Leibe verbrennen. Einerseits sagen „Liebe Mitbürger, ich bin so verzweifelt, dass ich sogar dafür in den Hungerstreik trete“, um Unterstützung und Sympathien zu sammeln, andererseits tagtäglich Menschen bombardieren und tausende Witwen und Waisen hinterlassen – so etwas kann nicht sein, so etwas dürfen wir nicht dulden!

Überlegen wir lieber folgendes: Was wäre geschehen, wenn es keine Gewalt und keinen Terror gegeben hätte, wie hätte die Gesellschaft auf die Hungerstreiks reagiert? Wenn es diese blutigen Aktionen nicht gegeben hätte, würden nicht alle Menschen in der Türkei aufstehen und sagen: „Habt Erbarmen mit diesen Menschen und gebt ihnen, was sie wollen“?

Genau hier befindet sich die PKK an einer Wegscheide. Sie versteckt sich hinter dem Gespenst der „Führung“ und ist gezwungen, sich in Doppelmoral zu ergehen. Bis jetzt hat die Organisation den stalinistischen Weg gewählt. Sie hat nicht nur ohne mit der Wimper zu zucken die Sicherheitskräfte und das Volk terrorisiert, sondern auch diejenigen, die für die eigene Sache eingetreten waren.