Die türkische Politikerin und Erdogan-Kritikerin Meral Aksener hat in der Hauptstadt Ankara die Gründung einer neuen Mitte-Rechts Partei bekanntgegeben.
Meral Akşener spricht im Jahr 2017 vor Anhängern der IYI-Partei. Foto: Archiv

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine politische Ikone. Die erste Regierungschefin in Deutschland regiert seit dem 22. November 2005 das Land. Was viele nicht wissen: Die Türkei wurde weit vor Merkel von einer Frau regiert. Tansu Çiller war von 1993 bis 1996 die erste und bislang einzige Ministerpräsidentin der Republik. Und ihre Innenministerin hieß einst Meral Akşener. Heute wieder so wichtig wie nie zuvor, rechnet die charismatische Anführerin der IYI-Partei mit Devlet Bahçeli ab, dem greisen Chef der MHP. Auch Staatspräsident Erdoğan darf sich einiges anhören.

Ein Hashtag schaffte es vergangene Woche in die türkischen Medien. Dieser Hashtag belegte zwischenzeitlich Platz 3 der Trending Topics in der Türkei. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass es sich dabei um eine gesteuerte Schmutzkampagne handelt. Zielscheibe dieses Angriffes in den sozialen Medien war Meral Akşener.

Die Parteivorsitzende der IYI-Partei wurde als #fosforluMeral bezeichnet. Eine Anspielung auf eine alte türkische Romanverfilmung, in der eine Dirne die Hauptrolle spielt. Der Titel des Films lautet „Fosforlu Cevriye“, zu Deutsch sinngemäß „Die leuchtende Cevriye“. Der Film behandelt die Liebesgeschichte einer Gunstgewerblerin in Istanbul. Diese Hashtag-Kampagne gegen Akşener wurde offenbar aus Kreisen ihrer alten Partei, der ultra-nationalistischen MHP, koordiniert. Doch sie ging mächtig nach hinten los. Grund dafür ist auch die unbeugsame Politikerin selbst.

Vor der Fraktion die MHP und Devlet Bahçeli angegriffen

Die Parteivorsitzende gab sich emotional, entschlossen und wütend. Was für viele, ob Männer oder Frauen, großen Mut erfordert, war für Akşener keine große Herausforderung. Geradeaus, unverstellt und unmissverständlich. „Devlet Bahçeli hat mich eine Hure genannt“, so Akşener vor der IYI-Partei-Fraktion im Parlament. Dies sei erstmals vor fünf Jahren in Konya geschehen. Dort habe Bahçeli vor Mitgliedern der MHP, der Akşener damals selbst angehörte, sie erstmals als „Fosforlu Cevriye“ bezeichnet. „Devlet Bahçeli liest ja keine Bücher, dafür liebt er es, türkische Filme zu gucken“, so die Politikerin über ihren einstigen Vorsitzenden.

Gegenüber verärgerten Parteigenoss:innen habe sie damals dennoch versucht, die Situation deeskalierend anzugehen. „Ich sagte, dass „Fosforlu Cevriye“ keine Hure sei, sondern ein Sinnbild für eine harte Frau mit einem Schlagstock in der Hand“, auch um das Ansehen von Bahçeli gegenüber den Parteimitgliedern selbstlos zu bewahren, so Akşener heute.

Eskalation nach Social Media-Kampagne

Diesen Standpunkt hat Akşener heute mit großem Krach verlassen. Auch weil sie aus der MHP austreten musste und ihre eigene Partei gründete. So konnte die charismatische Frau in die Rolle der Anführerin schlüpfen. Bei den ersten Wahlen ein Jahr nach der Parteigründung zogen 2018 gleich 43 Abgeordnete der IYI-Partei ins türkische Parlament ein. Damit stellt sie eine echte Bedrohung für die MHP dar, der sie den Status der einzigen nationalistischen Partei der Türkei streitig machen will.

Ihre Erfolge können sich dabei durchaus sehen lassen. Die einstige Innenministerin (November 1996 bis Juni 1997) gilt in der Türkei für ihren furchtlosen Kampf gegen Strukturen des tiefen türkischen Staates als „Lady Steel“. Auch als Parlamentspräsidentin war Akşener in der Türkei immer eine politische Hoffnungsträgerin für das konservativ-nationalistische Lager. So wie die Politikerin einst mit skrupellosen Militärs, aufständischen Polizeichefs und Politikern mit fragwürdigen Verbindungen aufräumte, ist sie gegen die Urheber der Schmutzkampagne gegen ihre Würde als Frau vorgegangen.

„Er hat mein Enkelkind als unehelich bezeichnet“

Nach ihrem Kongress am 19. Juni vergangenen Jahres habe Devlet Bahçeli ihren Enkelsohn beschimpft. „Er hat mein damals neun Monate altes Enkelkind – das Kind meines Sohnes, dessen Trauzeuge er war – als unehelich gezeugtes Kind bezeichnet“, so Akşener. Diese Anekdote war erst der Beginn ihrer Tirade. „Mir wird schlecht, diese hölzernen Lebensformen als Männer zu bezeichnen. Ihre widerlichen Visagen, dass sie Angsthasen sind, durfte ich offenlegen. Für diese Gelegenheit danke ich dem Herrn. Ich frage mich, wie diese Lebensformen in die Gesichter ihrer Ehefrauen blicken. Die meisten dieser Frauen kenne ich sogar persönlich.“ Bahçeli selbst ist nicht verheiratet, Akşener meinte mit ihrer Aussage wohl viele seiner Parteigänger. Und die Urheber der Kampagne.

„Ich klage dich bei Gott an, Herr Erdoğan“

Den 73-jährigen Bahçeli hätten viele Menschen in der Türkei jahrelang als einen „großen Bruder“ betrachtet. Doch heute würde Akşener ihm und den Urhebern dieser Schmutzkampagne „weder Söhne noch Töchter“ anvertrauen. Für ihre harte Abrechnung erntete Akşener parteiübergreifend Applaus. Ihren Rundumschlag begrenzte sie auch nicht auf Devlet Bahçeli, sondern bezog auch den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit ein. Dieser habe, so glaubt die Parteichefin, die Hashtag-Kampagne gegen sie mit seiner Troll-Armee logistisch unterstützt. „Der Koran verflucht die Beschmutzung der Würde einer gläubigen Frau. Ich klage dich vor der Bevölkerung bei Gott an, Herr Erdoğan. Auch wenn auf diesem Wege der Tod auf mich warten sollte, werde ich weiter kämpfen“, so Akşener entschieden.

Wer ist Meral Akşener eigentlich?

Am 3. November 1996 ereignete sich in der Türkei ein Verkehrsunfall mit weitreichenden politischen Folgen. Bei dem sogenannten Susurluk-Skandal kamen der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul, Hüseyin Kocadağ; Abdullah Çatlı, ein führendes Mitglied der rechtsextremen Grauen Wölfe und steckbrieflich gesuchter Drogenhändler und Auftragsmörder, sowie dessen Geliebte, die einstige Schönheitskönigin Gonca Us, ums Leben. Der Fall legte die tiefen Verstrickungen zwischen Staat und den Untergrundorganisationen in der Türkei offen.

Der damalige Innenminister Mehmet Ağar musste auf wachsenden Druck hin zurücktreten. Ihn beerbte Meral Akşener als erste Innenministerin der Türkei. Auf diesen Posten berufen wurde sie durch die eingangs erwähnte erste und bislang einzige türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller. Akşeners harter Umgang mit den illegalen Strukturen im Staat waren für ihre Amtszeit als Innenministerin nicht förderlich, schufen aber die Basis ihres politischen Charismas, von dem sie heute noch zehrt. Derzeit wird Akşener als größte Favoritin für die Konkurrenz um den Posten der Staatspräsidenten in der Türkei gehandelt.

Ob das auch ein Grund für die gezielten Angriffe unter der Gürtellinie sind? Es ist nicht auszuschließen.