Bereits eine Woche läuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien schon und alle fiebern aufgeregt mit. Aufgrund der Zeitumstellung finden die Spiele nach europäischer Zeit bis um zwei Uhr morgens statt und der ein oder andere wird wahrscheinlich auch die Erfahrung gemacht haben den nächsten Uni-Tag versäumt zu haben oder zu spät zur Arbeit erscheinen zu sein, denn “die WM findet ja nicht jeden Tag statt”.

Doch es fällt einem tatsächlich schwer auf ein Spiel zu verzichten, da die WM dieses Jahr viele Überraschungen bereit hält. Während die deutsche Nationalmannschaft Portugal mit 4:0 hat blass aussehen lassen, so schieden der ehemalige Weltmeister Spanien und das ebenfalls zu den Favoriten zählende Team England direkt bei der Vorrunde heraus. Da die türkische Nationalmannschaft in diesem Jahr nicht an der WM teilnimmt, unterstützen viele Türken das bosnische Nationalteam. Brasilien, Italien, Holland, Deutschland, Frankreich und Belgien zählen zu den Favoriten.

Auffällig war bei einigen Teams die Anzahl der Spieler mit Einwandererbiografie. Dies wird unter anderem bei dem Singen der Nationalhymne deutlich, bei der diese Spieler es schwer haben mitzusingen. Interessant ist, dass es sich bei den lateinamerikanischen oder afrikanischen Nationalteams bei fast allen Spielern um Eingeborene handelt. Zum Beispiel haben Kolumbien, Ecuador oder Ghana keinen einzigen Spieler mit Einwandererbiografie. In den europäischen und dem amerikanischen Team hingegen ist dies anders. Hier führt Frankreich mit 9 Spielern mit Einwandererbiografie im Nationalteam, gefolgt von Deutschland mit 8 und dem amerikanischen mit 7.

Der psychische Druck beim Spiel gegen das Vaterland

Nehmen wir das deutsche Team genauer unter die Lupe: Ohne Sami Khedira (Vater aus Tunesien), Mesut Özil (Ursprungsland: Türkei), Miroslav Klose (Ursprungsland: Polen), Jerome Boateng (Vater aus Ghana), Lukas Podolski (Ursprungsland: Polen) und Shkodran Mustafi (Ursprungsland: Albanien) würde die deutsche Nationalmannschaft nur noch aus sieben Spielern ohne Einwandererbiografie bestehen und hätte somit auch viele wichtige Spieler verloren.

Interessant ist hier zu erwähnen, dass alle dieser Spieler in Deutschland geboren sind und sich teilweise auch als Deutsche fühlen, wohingegen andere damit zu kämpfen haben, insbesondere wenn man gegen sein Ursprungsland antreten muss. Mesut Özil hatte dies bereits in vergangenen Jahren bei Spielen gegen die türkische Nationalmannschaft durchmachen müssen und auch Jerome Boateng steht dieser psychische Druck kommenden Samstag beim nächsten Spiel gegen Ghana bevor. Hier muss der gebürtige Berliner nicht nur gegen das Heimatland seines Vaters antreten, sondern muss hinzu noch gegen seinen Bruder Kevin-Prince Boateng antreten. In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagt er darüber: „Ich denke, dass die guten deutschen Züge bei mir zu finden sind, aber auch ein Tick afrikanischer Dinge. Man sagt immer, mein Laufstil sei afrikanisch, weil er ein bisschen lässig wirkt. Und wenn mir mal ein Fehler unterläuft, wird das auch oft auf meine afrikanischen Wurzeln zurückgeführt. Aber was ist daran afrikanisch? Deutsche machen auch Fehler. Ich bin froh und dankbar, dass ich so eine Mischung habe und dass sie auch von Vorteil ist.“

Die Nationalelf als Reagenzglas der deutschen Gesellschaft

Doch nicht nur die Fußballspieler der Nationalmannschaft haben mit diesem Identitätsproblem zu kämpfen. Fast alle Einwandererkinder haben die Schwierigkeit sich in Deutschland heimisch zu fühlen. In dem Land ihrer Vorfahren gelten sie als Ausländer und auch in Deutschland fühlen sie sich nicht richtig angekommen. Doch dieses Problem fängt langsam an sich zu normalisieren. Immer weniger Einwandererkinder planen in ihr Ursprungsland zurückzukehren, da sie sich in Deutschland immer mehr zu Hause fühlen und ihre Zukunft auch an diesem Ort planen. Und wer sagt, dass das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen nicht von Vorteil sein kann?

Und genau dieses Phänomen, nämlich ein Land mit Einwandererkindern, die ihre Zukunft in Deutschland planen wollen, reflektiert die deutsche Nationalmannschaft wieder. Es ist eine Mannschaft aus gemischten Ethnien, die gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet. Ihre Vielfältigkeit erlaubt es ihnen unter anderem so erfolgreich zu sein. Fällt einer dieser Spieler weg, so fängt dieses starke Gerüst an zu bröckeln und wird er durch einen anderen ersetzt, so wird das Team nicht mehr das sein, was es mal war. Ob es durch einen neuen Spieler besser oder schlechter wird, das kommt einerseits darauf an, wie gut sich der Spieler in das Team integriert, aber auch darauf an, ob ihm das Team es einfacher macht sich wohl zu fühlen und sich somit entfalten zu können, oder ob sie von Anfang an gegen diesen neuen Spieler sind und jegliche Bemühungen seinerseits sinnlos sind. Viel anders funktioniert das in der Gesellschaft auch nicht.