Rathaus-Chef fordert Deutsch-Schotten heraus

Hannover – Die Beliebtheitswerte des amtierenden Ministerpräsidenten sind intakt – trotzdem ist den letzten Umfragen zufolge ungewiss, ob die CDU noch eine Mehrheit im neu gewählten niedersächsischen Landtag finden wird. Schuld daran ist die unsichere Situation des Koalitionspartners FDP. Seit Mai 2011 lagen die Liberalen nur noch im September 2012 bei 5%, sonst stets und zum Teil sogar deutlich darunter. In den letzten Wochen sehen mehrere Umfrageinstitute jedoch wieder eine Chance für die Liberalen, die Sperrhürde zu überschreiten.

Sollten sich im letzten Moment nicht noch ausreichend „Leihstimmen“ zu Gunsten der FDP finden, wären voraussichtlich nur noch drei Parteien im Landtag vertreten. „Die Linke“, die 2008 noch auf 7,1% gekommen war, dürfte diesmal ebenso deutlich den Einzug verfehlen wie die Piratenpartei und die „Freien Wähler“. Auch rechtsextreme Parteien wie „Die Freiheit“ oder die NPD gelten als chancenlos.

DTJ stellt an dieser Stelle die beiden Kandidaten vor, die um den Posten des Ministerpräsidenten kämpfen werden:

David McAllister – Hoffnungsträger der CDU

Für David McAllister wird es ernst: 934 Tage nach seiner Vereidigung zum niedersächsischen Ministerpräsidenten muss sich der CDU-Politiker am 20. Januar erstmals als Regierungschef den Wählern stellen. Für den trotz seines jungen Alters – am 12. Januar feierte er seinen 42. Geburtstag – erfahrenen Politiker geht es um viel: Kann er bei der Landtagswahl verhindern, dass nach zehn Jahren CDU/FDP wieder SPD und Grüne an die Macht kommen, stehen ihm auch in der Bundespolitik alle Türen offen.

Abgesehen von der persönlichen Bedeutung für McAllisters Karriere geht es aber noch um mehr. Misslingt die Wahl, würde dies nicht nur das Ende von Schwarz-Gelb in Hannover bedeuten, sondern auch den Druck auf Kanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst erhöhen.

Obwohl McAllister sich dessen sehr wohl bewusst ist, gibt er sich im Wahlkampf auffallend ruhig. Sicherlich werde viel in die Wahl interpretiert, letztlich gehe es ihm aber nur um Niedersachsen, betont er gerne. Im Kreis der CDU-Spitzenpolitiker hat der Sohn eines schottischen Militärbeamten auch so eine besondere Rolle. Lange bevor er im Sommer 2010 Christian Wulff nach dessen Wahl zum Bundespräsidenten in Hannover ablöste, hatten Parteifreunde aus Berlin und Hannover den Deutsch-Schotten bereits als Kronprinzen auserkoren und ihm eine steile Karriere vorausgesagt. Doch McAllister wiegelt ab: „Berlin steht gar nicht zur Debatte.“

McAllisters Vater war bei der Rheinarmee in Berlin stationiert, seine Mutter ist Deutsche. Auf seine schottischen Wurzeln ist er stolz – bei seiner Hochzeit trug er einen traditionellen Kilt. Zusammen mit seiner Frau Dunja hat er zwei Töchter – Jamie und Mia.

Der zweisprachig erzogene McAllisters hat eine mustergültige Parteikarriere hingelegt. Während seines Studiums war er Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, von 1991 bis 1994 Kreisvorsitzender der Jungen Union im Kreisverband Cuxhaven. Von 1996 bis 2010 war er Abgeordneter im Cuxhavener Kreistag.

Mit 27 Jahren zog McAllister in den Landtag in Hannover ein, fünf Jahre später übernahm der brillante Redner den Fraktionsvorsitz. Schon damals war klar, dass dies nicht die letzte Stufe der Karriereleiter für den jungen Mann sein würde. Anstelle eines Ministerpostens führte sein Weg 2010 mit 39 Jahren direkt an die Spitze der Landesregierung.

Es fällt auf, dass McAllister seit seinem Amtsantritt immer häufiger in seiner Geburtsstadt Berlin ist und seine Kritik am dortigen Politikstil deutlich leiser geworden ist. Der Jurist, der in der Nähe der Nordsee bei Cuxhaven wohnt, ist Politiker mit Herzblut und Erfolg. Seinen politischen Stil erklärt er gerne mit den Worten des Soziologen Max Weber: „Politik ist das Bohren dicker Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“

Stephan Weil – erfahrener Rathaus-Chef und unbekannter Herausforderer

Stephan Weils jüngstes politisches Vorbild heißt hingegen Torsten Albig. Der Sozialdemokrat ist in Schleswig-Holstein bereits dort angelangt, wo sein Parteifreund in Niedersachsen noch hin will: auf dem Sessel des Ministerpräsidenten. Weil verweist gern auf Parallelen in der Biografie. „Er war zweimal Kämmerer einer Landeshauptstadt, er war Oberbürgermeister – und nun ist er Ministerpräsident…“, sagt der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Seit November 2006 ist Weil Hannovers Oberbürgermeister, davor war er neun Jahre Kämmerer der Landeshauptstadt. Nur der Posten des Ministerpräsidenten fehlt noch – den macht er nun Landeschef David McAllister streitig.

Weil gilt als Mann des Ausgleichs und lässt sich gerne als „bürgernah, sachlich, pragmatisch“ porträtieren. Seine Kritiker dagegen halten ihm vor, in der Öffentlichkeit mitunter ein wenig blass und spröde zu wirken. Der mit einer Akademikerin verheiratete Vater eines Sohnes will sich erklärtermaßen am Beispiel des Ex-Ministerpräsidenten und Alt-Kanzlers Gerhard Schröder orientieren. Doch obwohl Schröder ihm bereits eine Karriere auf Bundesebene voraussagt, fehlt dem feingeistig wirkenden Weil (54) die machohafte Hemdsärmeligkeit seines Vorbilds.

Hinter der randlosen Brille blitzen seine Augen, wenn er von der gesunden Bilanz „seiner Stadt“ Hannover spricht – in der Welt der Zahlen ist der in Hamburg geborene Jurist zu Hause. Der erfahrene Kommunalpolitiker und Fußball-Fan hat vor dem Wechsel ins Rathaus als Anwalt, Richter, Staatsanwalt und im Justizministerium gearbeitet. SPD-Mitglied ist er seit mehr als drei Jahrzehnten. Sein politisches Engagement begann bereits als Student in Göttingen. Von 1991 bis 1997 stand er als Parteivorsitzender an der Spitze der örtlichen SPD.

Weils Popularität lag in Umfragen bisher chronisch hinter der des politischen Gegners McAllisters – der kraft Amtes aber auch häufiger im Rampenlicht steht als der noch weitgehend unbekannte Herausforderer. Weil ist sich dessen bewusst – es lässt ihn mitunter dünnhäutig reagieren. Er weist meist pragmatisch darauf hin, dass er keinen Schönheitswettbewerb, sondern die Wahl gewinnen will. „Ganz am Ende zählt nur eins: Wer stellt die Regierung?“, meint er.

Weil plant schon für den Tag des Erfolgs: „Natürlich wird eine Landesregierung, die nach zehn Jahren eine andere ablöst, eine gewisse Zeit brauchen, um richtig arbeitsfähig zu sein. Aber es gibt Punkte, mit denen wir bundes- und landespolitisch schnell antreten wollen – landespolitisch mit der Abschaffung von Studiengebühren.“ Er ist sich bewusst, „dass ein Regierungswechsel in Niedersachsen eine ganz spannende bundespolitische Diskussion auslösen dürfte“.

Doris Schröder-Köpf würde Aygül Özkan im Kabinett ersetzen

Sollte es zu einem Regierungswechsel in Hannover kommen, wird damit gerechnet, dass die einst noch von Christian Wulff bestellte Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) durch die Ehefrau des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten und Bundeskanzlers Gerhard Schröder, Doris Schröder-Köpf, ersetzt wird.

Schröder-Köpf hatte sich im Rahmen der Nominierungsversammlung im Stimmkreis Hannover-Döhren gegen die derzeitige Stimmkreisabgeordnete Sigrid Leuschner durchgesetzt, die daraufhin die Partei verließ und zur „Linken“ wechselte. Im Unterschied zu Özkan, die unter anderem durch den Vorschlag, Kreuze und Kopftücher aus öffentlichen Schulen zu verbannen, scharfe Kritik aus der eigenen Partei, der CSU und Islamverbänden geerntet hatte, genießt die Gattin des Altkanzlers innerhalb der Migrantencommunity einen Vertrauensvorschuss.

Auch distanzierte sie sich beispielsweise im November 2012 während einer öffentlichen Veranstaltung in Hannover von dem Bild, das „zwei alte Herren“ von Deutschland zeichneten, womit sie auf ihre Parteikollegen Sarrazin und Buschkowsky anspielte. (dtj/dpa)

Zum Wahl-o-maten für Niedersachsen geht es übrigens hier