Soft Power und die rapide Entwicklung der Türkei

So gut wie jedes Land der Welt hat seine eigenen Quellen für das, was man als „Soft Power“ bezeichnen könnte, aber nur wenige sind sich dessen auch bewusst. Was die Türkei anbelangt, ist sie ein Land mit außerordentlich reichhaltigen Quellen dieser „sanften Kraft“ – denn in ihrem Fall reichen diese von einer interessanten geopolitischen Lage und militärischer Stärke über ein tief wurzelndes geschichtliches Erbe und eine reiche Kultur über gute ökonomische und sozio-politische Entwicklungsaussichten für die Zukunft bis hin zur Verbundenheit mit universellen Werten wie Grundrechten und -freiheiten, Rechtsstaatlichkeit und einer freien Wirtschaft.

Als Bürger eines Landes mit stetig stärker werdender Wirtschaft und permanent wachsendem Volumen der Importe und Exporte haben auch türkische Unternehmer im Laufe der letzten Jahre enorm an Selbstbewusstsein zugelegt. Zeitgleich mit der neu gewonnenen Stärke und dem Wohlstand, der sich in der Türkei ausbreitete, wuchs auch der Mediensektor rapide – mit Hunderten neuen TV-Sendern, Tausenden neuen Radiostationen und noch viel, viel mehr neuen Zeitschriften. Ob im Kino, durch TV-Serien, Literatur oder Musik: Was türkisches Kulturschaffen hervorgebracht hat, hat ein Ausmaß angenommen, das weit über die Grenzen des Landes hinaus Einfluss schafft.

Und im gleichen Augenblick, da unser kulturelles Schaffen immer stärker präsent wird, erleben wir, wie auch in der Kommunikationstechnologie und im Transportwesen riesige Schritte unternommen werden. Hatte es in den 80er-Jahren noch nicht einmal direkte Flugverbindungen von Istanbul nach New York gegeben, ermöglicht die nationale Fluglinie der Türkei mittlerweile Nonstopflüge in alle größeren Städte der Welt. Und es werden immer noch neue Destinationen ins Programm aufgenommen – und auf diese Weise bringen Turkish Airlines die Türkei und den Rest der Welt einander näher. Und so erlebt die Türkei, die einen regelrechten Quantensprung sowohl im inländischen als auch im internationalen Kommunikationsbereich zu verzeichnen hatte, einen unglaublichen Aufschwung in Bereichen wie dem Tourismus, dem Handel, dem kulturellen Austausch, der Bildung und auf zahlreichen anderen Feldern.

Reformen im Inneren, Problemlösungskompetenz nach außen

All jene „sanften Reformen” und „behutsam-revolutionären” Reformen, die in der Türkei in der ersten Hälfte der 2000er als Teil des Rahmenwerks zu den EU-Beitrittsverhandlungen durchgesetzt hatten, haben das Land zu einer Quelle der Inspiration auch für andere muslimische Länder gemacht, die den türkischen Staat als säkulares und demokratisches Staatswesen wahrnehmen. Es würde heißen, die Realität zu verkennen, wollte man leugnen, dass die Inspiration durch die Türkei überhaupt keine Rolle gespielt hätte im Hinblick auf die späteren Umbrüche im Nahen Osten, die man unter den Begriffen wie „Arabischer Aufstand“ oder „Arabischer Frühling“ subsumiert. Außerdem wurde die erfolgreiche Implementierung der „Keine Probleme“-Maxime in der Außenpolitik der von der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) geführten Regierung zu einem der wesentlichsten „Soft Power“-Faktoren, die es der Türkei ermöglichten, allen Schwierigkeiten zum Trotz Frieden und Stabilität zu ihren Nachbarn zu tragen. Diese Politik trug am Ende auch auf wirtschaftlichem Terrain reichhaltige Früchte. Das Handelsvolumen zwischen der Türkei und ihren Nachbarländern stieg von lediglich 4 Milliarden US-$ im Jahre 1991 auf 82 Milliarden US-$ im Jahre 2008.

In der Zwischenzeit ist die Türkei, das geopolitische Bindeglied zwischen Osten und Westen, dem Mittleren Osten und Europa, Christen und Muslimen, eine Demokratie mit liberaler Marktwirtschaft – und auch das steigert den Soft-Power-Einfluss. Gleiches gilt auch für die Vermittlerrolle in zahlreichen internationalen Konflikten, welche die Türkei wahrgenommen hat, sowie ihre Rolle als Mitgründerin der Initiative „Allianz der Zivilisationen“.

Betrachten wir dies alles in einer Gesamtschau, sehen wir, dass weder die Steigerung der menschlichen Mobilität zwischen Ost und West, aber auch Nord und Süd, zu der Turkish Airlines beitragen, noch die Verbreitung türkischer Filme und TV-Produktionen (von Europa nach Afrika, vom Mittleren Osten bis nach Zentralasien) als Zufälle gesehen werden können. Was noch wichtiger ist: Diese Fortschritte sind nicht zwingend lediglich dem politischen Überbau geschuldet, den die AKP-Regierung geschaffen in den vorangegangenen Jahren geschaffen hat. Vielmehr lässt sich erkennen, dass hinter diesen Fortschritten ein viel tiefer greifender und umfassender sozio-ökonomischer und kultureller Umbruch steht. Dieser die Gesellschaft transformierende Umbruch hatte seine Anfänge bereits in der Zeit des früheren Präsidenten Turgut Özal und er beeinflusste nicht nur wesentlich die Innenpolitik und die Wirtschaft des Landes, sondern auch die türkische Außenpolitik und die Integration des Landes in die politische Welt um die Türkei herum. Der Umbruch wurde auch zu einem wichtigen Motivationsfaktor mit Blick auf die Entscheidung der Türkei, sich auch in Regionen der Welt zu engagieren, mit denen man zuvor allenfalls peripher zu tun hatte.

Bildung als entscheidender Faktor

Der Umbruch ging tiefer als es ein bloßer Strategiewechsel jemals hätte bewerkstelligen können. Die Türkei öffnete sich für Afrika, den pazifischen Raum und Lateinamerika und das alles auf eine völlig neue Weise. Der gesellschaftliche Umbruch brachte eine Situation und neue Verantwortlichkeiten mit sich, die sich aus diesen neu entwickelten Beziehungen selbst ergaben. Und in diesem Zusammenhang kann die wichtige Rolle der Hizmet-Bewegung nicht vergessen werden, die durch die Ideen des türkisch-islamischen Gelehrten Fethullah Gülen inspiriert wurde und – alleine schon im Bereich der Bildung und Kultur – eine aktive türkische Präsenz in mehr als 150 Ländern der Welt hergestellt hat.

In diesem Zusammenhang macht es Sinn, auf die reiche kulturelle und historische Vergangenheit der Türkei hinzuweisen, die ein weiteres Mosaikstück im Sinne dieser Soft Power ist, welche unser Land auszeichnet. Die geschichtlichen Bande mit Europa, ebenso wie die historischen und kulturellen Verbindungen zum Balkan, zum Mittleren Osten, Zentralasien und der Kaukasusregion haben auch heute noch in all diesen Regionen eine ungemeine Bedeutung. Und nichts erscheint vor diesem Hintergrund natürlicher, als dass die Türkei – mit ihrem immer besseren Bildungssystem, ihrer gestärkten Wirtschaftskraft und ihrer politischen Stabilität – ihren Einfluss über diese Regionen ausbaut.

Im Übrigen ist anzumerken, dass die weit verbreitete Anerkennung und der Gebrauch türkischer Güter in all jenen Regionen, zu denen Türken starke transnationale Verbindungen aufgebaut haben, keine Zufälle sind. Ebenso wie der wirtschaftliche, politische und kulturelle Bereich in der Türkei verstärkt wurde, hat unser Land auch seine Kapazitäten im Bereich humanitärer Hilfe und Zusammenarbeit ausgeweitet. Heute sehen wir, wie stark sich viele türkische Hilfsorganisationen und –initiativen – beispielsweise die „Kimse Yok Mu?“ („Ist denn niemand da?“) Vereinigung – überall dort in der Welt präsent sind, wo Menschen durch Unglück heimgesucht werden. Vor allem in Afrika, wo die Hilfsbedürftigkeit weiter Teile der Bevölkerung ungebrochen weiterbesteht, hat der Umfang der Hilfsleistungen aus der Türkei ein Ausmaß erreicht, das die Grundlagen für Stabilität und in der Folge den Wiederaufbau zahlreicher Länder schafft. Wir sprechen dabei nicht nur über zivilgesellschaftliche Organisationen, sondern auch über die TIKA (Türkischer Dienst für Zusammenarbeit und Entwicklung), den Türkischen Roten Halbmond oder staatliche Institutionen wie die Diyanet, die ebenfalls Einfluss und Aktivitäten in erheblichem Ausmaß beisteuern.

Wenn wir „Soft Power” – ein Konzept, das dem amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye seinen Ruhm verdankt – als tatsächliches Kriterium betrachten, um die Attraktivität und Vorbildwirkung bestimmter Länder gegenüber anderen zu bewerten, hat die Türkei auf dieser Ebene tatsächlich in vielen Gegenden der Welt ganz entscheidende Schritte gesetzt. Und tatsächlich: Das Magazin „Monocle“ hat eine Rangliste erstellt, in welcher die Stärke bezüglich Soft Power im Laufe der letzten drei Jahre betrachtet wurde und wobei auch der Einfluss und die Bedeutung der Türkei in diesem Bereich erhoben wurden. „Monocle“ zufolge hat das Konzept der Soft Power – bis zuletzt ein Monopol westlicher Länder – vor allem in der Türkei, in China, Brasilien und sogar Russland massiv an Geltung und Gewicht gewonnen.

Internationale Vernetzung der Türkei immer intensiver

Nach Maßgabe der von „Monocle“ bemühten Kriterien – zu denen Faktoren wie die diplomatischen Substrukturen der einzelnen Länder gehören, die Anzahl ihrer Botschaften und weltweiten Kulturinstitute, ihr Kulturschaffen und die Erfolge ihrer Künstler bei internationalen Festivals, die Zahl der ausländischen Korrespondenten und Studenten in den Ländern, das jeweilige Bildungswesen, die Qualität ihrer Fluggesellschaften, die Zahl der Think Tanks, die Anzahl der Internetbenutzer und vieles mehr gehörten – war England auf dem ersten und die USA auf dem zweiten Platz, wenn es um Soft Power geht. Die Türkei gehörte jedoch zu den Aufsteigern der letzten Jahre und befindet sich derzeit auf Platz 20, mit massiv steigender Tendenz.

Parallel zum massiven Aufwärtstrend der Türkei mit Blick auf weltweiten Charme und globale Wertschätzung wächst die Anzahl der Neueröffnungen ausländischer Botschaften in Ankara, ebenso wie jene der türkischen Vertretungen in anderen Ländern. Auch das Interesse an der – jährlich von 30 Millionen Touristen und zehntausenden Gaststudenten besuchten – Türkei in ausländischen Medien steigt spürbar an. Das Ausmaß an Interaktion in jedweder Form zwischen der Türkei und fremden Ländern hat sich von Jahr zu Jahr stärker ausgeweitet und wächst ungebrochen. Und dafür gebührt nicht nur den auf globaler Ebene tätigen, bildungstechnisch oder kulturell aktiven Gruppen innerhalb der Zivilgesellschaft Dank, sondern auch staatlichen Institutionen wie Turkish Airlines, die sich so stark engagiert haben. Und am Ende steht völlig außer Frage, dass sowohl die türkische Wirtschaft als auch der Handel von all dem profitieren. Ich kann voller Zuversicht sagen, dass es tatsächlich die Soft-Power-Qualitäten sind, die den entscheidenden Anteil daran hatten, dass das Exportvolumen der Türkei mittlerweile auf einem Level von fast 150 Milliarden US-$ angelangt ist.

*Dieser Artikel, der in „Today’s Zaman“ erschien, beruht auf der Ansprache des Autors zur dritten Türkisch-Amerikanischen Konferenz, die in Washington D.C. vom 12.-13. März 2013 von der Türkisch-Amerikanischen Allianz (TAA), dem Rethink Institut und der Türkischen Vereinigung der Geschäftsleute und Industriellen (TUSKON) veranstaltet wurde.