Was ist die Hizmet-Bewegung? Welche Motivation steckt dahinter? Welche Rolle spielt die Stiftung Dialog und Bildung? Was sind die Aufgabenbereiche dieser Stiftung? Um auf all diese Fragen eine Antwort zu bekommen, fanden sich am Donnerstagabend in Stuttgart zahlreiche Interessierte aus allen Bereichen der Gesellschaft ein, um den Worten des Vorsitzenden der „Stiftung Dialog und Bildung“, Ercan Karakoyun (Foto), zuzuhören.

In Anwesenheit zahlreicher Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur stellte Karakoyun auf Einladung der Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg den Aufgabenbereich, die Ziele, die Werte und den Anlass zur Gründung der Stiftung Dialog und Bildung vor.

Aufgrund der in letzter Zeit häufigen Erwähnung Fethullah Gülens und der Hizmet–Bewegung in Medien, Politik und Wissenschaft bedurfte es der Schaffung einer Stiftung, die wissenschaftlich, aber auch durch Roundtables und sonstige öffentliche Veranstaltungen das Thema Hizmet analysieren, diskutieren und Impulse für die Dialogarbeit geben sollte und diese auch fördern würde.

Die Stiftung Dialog und Bildung (vormals unter dem Namen Hizmet AG bekannt) sei deshalb mit Menschen aus diversen Gesellschaftsschichten und von unterschiedlichsten Orten besetzt worden, um der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, über Hizmet mehr zu erfahren. Die Stiftung widmet sich den Bereichen Politik, Wissenschaft und Medien und steht Interessenten jederzeit für Anfragen oder Diskussionsveranstaltungen zur Verfügung.

Vier unterschiedliche Lebens- und Schaffensphasen

Bevor Karakoyun auf die Aktivitäten und Projekte der Stiftung Dialog und Bildung überging, stellte er die Biografie Fethullah Gülens vor. Er teilte sie in vier Phasen und hob dabei insbesondere die Beschäftigung Gülens mit den Bereichen Dialog und Bildung hervor.

Im Leben Fethullah Gülens habe es, so Karakoyun, eine Reise von Osten nach Westen gegeben. Und dies nicht nur physisch, sondern auch in der Gedankenwelt. Die erste Lebensphase Gülens sei von der Geburt und Kindheit in Erzurum gekennzeichnet, wo er bis zu seiner Jugendzeit in einer Madrasa eine traditionelle Bildung genoss. In der zweiten Phase machte er sich als Prediger einen Namen, indem er an eher säkularen Orten wie in Edirne oder Izmir predigte. Dort habe er erfahren, dass er mit traditionellen Predigten in den Moscheen die Menschen nicht erreichen könne und sich deshalb den Teestuben zugewandt und überall in der Türkei Veranstaltungen und Konferenzen über Themen, die die Menschen damals bewegten, abgehalten. Auch die Reise nach Europa 1977 habe dazu beigetragen, dass er zu der Erkenntnis gekommen sei, dass es sowohl in der Türkei, als auch in Europa zwar genug Moscheen gebe, die Muslime selbst hingegen aber bildungsarm seien. Aufgrund dessen habe er jeden, der ihm nahestand, dazu motiviert, weltweit Bildungseinrichtungen zu gründen, da nur durch Bildung bestehende Ressentiments, Feindschaft und Unwissenheit überwunden werden könnten.

Die dritte Phase, so Karakoyun, sei eine Phase der alternativen Öffnung gewesen. Hier habe er angefangen, ihm nahestehenden Menschen Dinge zu empfehlen, die damals noch als sehr ungewöhnlich aufgenommen wurden, wie zum Beispiel die Publikation der Zeitschrift Sızıntı, einer Zeitschrift, in der verdeutlicht wird, dass die Religion und die Wissenschaft nicht in Widerspruch stehen.

Bildungsorientierung muss sich auch auf Frauen erstrecken

Des Weiteren habe Gülen Familien dazu motiviert, ihre Töchter zum Studium zu schicken, was wiederum sehr ungewöhnlich für die damaligen Menschen war. Er hingegen habe immer wieder gepredigt, dass sowohl die Männer als auch die Frauen das Recht auf Bildung haben und sie nicht auf die Arbeit der Hausfrau eingeschränkt werden sollten. Jede Frau habe das Recht, jede Position in der Gesellschaft einzunehmen. Aber auch der Artikel Gülens aus dem Jahre 1995, in welchen er die Vereinigung des Islams und der Demokratie befürwortete, seien sehr atypisch. Der Islam, so Gülen, stehe auf gar keinen Fall im Widerspruch zur Demokratie und habe auch keine Forderungen an den Staat.

Die vierte Phase wiederum stand im Zeichen der erfolgten Auswanderung Gülens in die USA, die auch als eine Initialzündung hin zur Internationalisierung Hizmets gesehen werden dürfe. So sei es sichtbar, dass es unterschiedliche Momente und Schaffensperioden im Leben Gülens gegeben habe und er ohne die Reisen nach Edirne, Izmir und Europa solche Veränderungen in seinem Leben und seinem Denken nicht gehabt hätte.

Nach der ausführlichen Schilderung und Erörterung der Biografie Fethullah Gülens ging Karakoyun auf die Aktivitäten der Stiftung Dialog und Bildung ein.

Die Stiftung informiere über die Ursprünge, die Entwicklung und die Aktivitäten von Hizmet in Deutschland sowie über die Ideen und die Arbeit Fethullah Gülens. Die Stiftung Dialog und Bildung sei ein Ansprechpartner für Engagierte, Partner und Interessierte, sowie eine Instanz für Medien und Politik, die auf Fragen in Bezug auf Hizmet zur Verfügung stehe. Sie unterstütze bundesweit Dialogeinrichtungen, die sich für den interkulturellen und interreligiösen Dialog einsetzen und mittels verschiedener Plattformen Frauen und Jugendlichen Impulse geben, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.

Nationalismus- und Islamismusvorwürfe sind völlig absurd

Aktuell beschäftige sich die Stiftung mit Vorwürfen wie jenem des Nationalismus, des Islamismus, der Kurdenfeindlichkeit, im Zusammenhang mit der Einstellung Gülens gegenüber der Frau, der Vereinbarkeit des Islams mit der Demokratie und den Wohngemeinschaften. Die Vorwürfe des Nationalismus und der Kurdenfeindlichkeit seien sehr absurd, da selbst die Hauptinspirationsquelle der Hizmet-Bewegung bzw. Gülens, Said Nursi, ein kurdischer Gelehrter sei, der erst mit 17 Jahren angefangen hatte, Türkisch zu lernen. Wie sei es nur möglich, dass eine Bewegung, die nationalistisch bzw. kurdenfeindlich sei, einen kurdischen Gelehrten verehre und respektiere, fragte Karakoyun. Vielmehr sei gerade Gülen derjenige in der Türkei, der als erster muslimischer Gelehrter in der Türkei auf die religiösen Minderheiten zuging, sie tolerierte und die ersten gemeinsamen Projekte gestartet habe (Moschee- und Cemevi-Projekt).

Die WGs seien private Wohnungen, in denen junge Menschen zusammenleben, die die Ideen Gülens teilen. Karakoyun habe zum Beispiel selbst in einer dieser Wohnungen gelebt, nachdem er zusammen mit einigen Freunden in der Universitätshauptstadt eine Wohnung gemietet und mit diesen Freunden darin gebetet, gelesen, Projekte organisiert und natürlich die Hausarbeit geteilt habe. Das Wichtigste sei dabei aber, dass jeder freiwillig in den Wohnungen und auf Grund seiner individuellen Entscheidung dort sei und jederzeit ausziehen könne.

Des Weiteren gebe es zahlreiche gemeinsame Projekte mit dem Staat und religiösen Institutionen, die mit der Bewegung nur deshalb zusammenarbeiten, weil sie eben eine tolerante und offene Bewegung sei. Hätte sie eine islamistische Basis, würde keine dieser Institutionen nur annähernd mit der Bewegung arbeiten wollen, so Karakoyun.

Auf die Frage, ob die Bewegung Missionierungsansprüche entwickle, antwortete Karakoyun direkt, dass dies ihn überhaupt nicht interessiere, da „die Herzen in Gottes Hand“ seien und sich niemand diesbezüglich einmischen könne. Für ihn seien der Dialog und dadurch das gegenseitige Kennenlernen wichtig, damit die Ressentiments abgebaut werden und „wir zu einer friedlichen Gesellschaft finden“ können.

Einige Kritikpunkte sind ernst zu nehmen

Eine weitere Frage war, inwieweit die Hizmet-Bewegung die Kritik aus der Gesellschaft wahrnehme und ob sie kritikfähig sei und Lehren aus dieser Kritik ziehe. Es gäbe, so Karakoyun, neben unbegründeten Kritiken bis hin zu Verleumdungen auch sinnvolle Kritik. Diese nehme die Bewegung ernst und arbeite daran. Zum Beispiel seien Kritikpunkte wie die Stellung der Frau innerhalb von Hizmet berechtigt. Hier gäbe es in Deutschland immer noch Lücken, wobei sich Gülen offen für die Gleichberechtigung der Frauen und Männer einsetze. Die Bewegung in Deutschland habe angefangen, Frauen in Deutschland in den Vordergrund zu stellen und vor allem sei ihr wichtig, dass Konferenzen, Tagungen künftig von weiblichen Repräsentanten der Hizmet-Bewegung abgehalten werden sollen und müssen.

Eine zweite Kritik, an der man arbeiten müsse, sind alte Zitate Gülens, die aus dem Zusammenhang gerissen werden und veröffentlicht werden, ohne auf die historischen und regionalen Gegebenheiten zu achten. Hier müsse noch wissenschaftliche und ganzheitliche Arbeit geleistet werden – indem man zum Beispiel auf Zitate aus den 70er-Jahren mit gegenläufigen Zitaten ab den 90er-Jahren antworten könne und auf diese Weise die Entwicklung Gülens, die bereits eingangs erwähnt wurde, illustriere.

Der dritte ernst zu nehmende Kritikpunkt sei jener der Intransparenz, die der Hizmet-Bewegung vorgeworfen werde. Diese Kritik sei teilweise berechtigt. Aber die Hizmet-Bewegung habe bisher nicht den Bedarf gehabt, sich zu institutionalisieren, betonte Karakoyun, da sich bis vor fünf Jahren niemand in Deutschland für Hizmet interessiert habe. Niemand habe gefragt, welche Projekte Hizmet umsetze, welche Medien sie habe. Jetzt aber sei die Hizmet-Bewegung bereit, jegliche gewünschte Transparenz zu zeigen, habe demgemäß eine Öffnung eingeleitet und führe diese weiter.

Gülen selbst wollte nie eine „Gülen-Bewegung“ haben

Der vierte und letzte Kritikpunkt betreffe die Stellung Gülens innerhalb der Bewegung. Darauf habe man wiederum nie eine Antwort gegeben, da es auch keinen Bedarf an einer solchen gegeben habe. Heute werde deshalb der Bewegung vorgeworfen, dass Gülen die Stellung eines Scheichs habe, der Befehle verteile, was wiederum kategorisch zurückzuweisen sei. Gülen werde in der Bewegung als ein wichtiger muslimischer Intellektueller gesehen, der visionäre Ideen habe und man versuche nun, diese in die Praxis umzusetzen, da sie sehr gut mit dem Alltag zu vereinbaren seien. Dies werde auch durch die Aussage Gülens bekräftigt, wonach er nicht wolle, dass die Bewegung Gülen-Bewegung heiße, da es sich um keine von ihm gegründete Bewegung handle, sondern diese von Menschen gegründet worden sei, die einen Dienst an „Hizmet“ (Hizmet bedeutet wörtlich ‚Dienst‘) leisten möchten.