Syrien blutet aus

Die Zahl der syrischen Flüchtlinge steigt weiter an. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass seit Jahresbeginn mehr als 100.000 Syrer in die Nachbarländer geflohen sind. Allein in Jordanien hätten 52.000 Syrer seit Neujahr die Grenze überschritten, hieß es aus den jordanischen Streitkräften. Unter ihnen befinden sich den Angaben zufolge etwa 9.000 Kranke und Verletzte. Regierungsbeamte sagten, die Behörden seien mit der Versorgung der knapp 300.000 syrischen Flüchtlinge auf jordanischem Boden überfordert. Das Grenzgebiet gleiche einer „Kriegsregion“.

Die internationale Gemeinschaft bemüht sich um finanzielle Hilfe für die Flüchtlinge. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind inzwischen vier Millionen Syrer auf Unterstützung angewiesen. Die Vereinten Nationen und Arabische Liga wollen am Mittwoch bei einer Geberkonferenz in Kuwait weitere finanzielle Hilfen für die Flüchtlinge beschließen.

Die Europäische Union bewilligte am Dienstag bereits weitere 100 Millionen Euro als humanitäre Hilfe für Opfer des Bürgerkrieges. Nach Angaben der EU-Kommission in Brüssel wird die EU damit die bisherige Hilfszusage von 100 Millionen Euro im Jahr 2012 bei der internationalen Geberkonferenz verdoppeln. Die humanitäre Lage in Syrien sei katastrophal. Das Geld soll über die großen Hilfsorganisationen ausgegeben werden. Bislang hat der seit März 2011 andauernde Konflikt mehr als 60.000 Menschen das Leben gekostet. Verschärft wird die Situation der Flüchtlinge durch den Wintereinbruch in der Region und durch die immer wieder aufflammenden Kämpfe in der Grenzregion und die Luftangriffe auf von der Opposition gehaltene Städte.

Der lange Krieg zehrt an Syrien: Zerstörte Städte, niedergebrannte Ernten, zerrissene Familien

Jedoch besteht in Syrien nicht nur im Bereich der Flüchtlingshilfe Bedarf an finanzieller Unterstützung durch das Ausland. Die syrische Opposition fordert im Kampf gegen das Regime von Präsident Baschar Al-Assad von der internationalen Gemeinschaft erneut Waffen und mehr Geld. „Die Zeit spielt gegen uns, und die Fortsetzung des Konflikts kann für die Region und die Welt nur in einer Katastrophe enden“, sagte Riad Seif, Vizechef der Nationalen Syrischen Koalition, am Montag in Paris. Sein Amtskollege, der syrische Christ Georges Sabra, bezifferte den Unterstützungsbedarf auf mindestens 500 Millionen US-Dollar.

Die Führungsvertreter der Nationalen Syrischen Koalition sprachen in der französischen Hauptstadt mit Vertretern aus rund 50 Unterstützerstaaten. Das Treffen war von Frankreichs Außenminister Laurent Fabius organisiert worden, um weitere Hilfen für die syrische Opposition zu organisieren. Fabius hatte zuvor kritisiert, dass etliche Unterstützungszusagen offensichtlich nicht gehalten worden seien. Die Konferenz solle sicherstellen, dass die Opposition die notwendigen Mittel zum Handeln erhalte, sagte der Minister.

Nach Angaben der UN-Organisation FAO wird auch die syrische Landwirtschaft massiv durch den Konflikt beeinträchtigt, sodass in Syrien ein Versorgungsengpass bei Lebensmitteln droht. Die Erträge bei Getreide, Obst und Gemüse seien gesunken – teils um gut 50 Prozent, teilte die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft letzte Woche in Rom mit. Bewässerungsanlagen und andere essentiellen Infrastrukturen seien vielerorts zerstört. Nur 45 Prozent der Bauern konnten demnach ihr Getreide voll einfahren. 14 Prozent berichteten, dass sie wegen der unsicheren Lage oder mangels Treibstoff nicht ernten konnten. Allein bei Weizen und Gerste sei die Produktion im vergangenen Jahr auf weniger als 2 Millionen Tonnen gesunken – nach 4 bis 4,5 Millionen Tonnen in normalen Jahren.

Gefechte an der Grenze töten möglicherweise türkischen Offizier

In Syrien toben die Kämpfe vor allem in einigen Vororten von Damaskus und in den zentralen und nördlichen Provinzen des Landes, in denen die Rebellen immer größere Gebiete erobern können. Im türkischen Grenzgebiet gab es indes einen neuen Zwischenfall. In Ras al-Ain nahe der türkischen Grenze gab es nach Angaben von Aktivisten erneut auch Gefechte zwischen Kurden und Kämpfern der Al-Nusra-Front. Eine Meldung der Aktivisten, wonach eine Kugel aus Syrien einen türkischen Grenzoffizier getötet hat, wurde von offizieller türkischer Seite zunächst nicht bestätigt.

Ein vermutlich aus Syrien abgefeuertes Raketengeschoss schlug in der Nacht zu Montag in ein Wohnhaus in der grenznahen ostanatolischen Provinz Şanliurfa ein. Es kam jedoch nicht zu einer Detonation, so dass niemand verletzt wurde, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die türkische Armee hatte 2012 nach wiederholten Einschlägen von aus Syrien abgefeuerten Geschossen in türkischen Dörfern ihre Truppenpräsenz an der Grenze massiv aufgestockt, um auf vorsätzlichen Beschuss militärisch reagieren zu können. (dpa/dtj)