Türkische Sicherheitskräfte sind mit Razzien gegen mutmaßliche al-Qaida-Mitglieder vorgegangen. Dabei wurden 16 Verdächtige festgenommen.

Anderthalb Jahre dauerten die polizeilichen Ermittlungen gegen einen Kreis von Personen, die nach Ansicht der türkischen Sicherheitsbehörden zu al-Qaida gehören. Nun schlug die Polizei in gleich mehreren Städten zu.

Einheiten der türkischen Polizei führten am Dienstag in den frühen Morgenstunden in den Provinzen Erzincan, Konya, Diyarbakır und İstanbul Razzien gegen Strukturen der Terrororganisation al-Qaida durch. Dabei wurden mehrere Gebäude durchsucht und insgesamt 16 Personen festgenommen. Allein 12 der Festgenommenen wurden im ostanatolischen Erzincan inhaftiert. Federführend bei den Ermittlungen war einem Bericht der türkischen Zeitung Today’s Zaman zufolge die Staatsanwaltschaft von Erzurum.

Die Türkei intensiviert seit einigen Monaten polizeiliche Operationen gegen die international agierende Terrororganisation. Im Oktober wurde in der Stadt Mardin bereits ein Mann festgenommen, der ebenfalls al-Qaida angehören soll. In Bursa inhaftierte die türkische Polizei zwei Personen, die Kämpfer für al-Qaida in Syrien und Afghanistan anwerben wollten. Die türkische Polizei vereitelte im Juni 2013 außerdem einen möglichen Giftgas-Anschlag eines syrischen Qaida-Ablegers im südtürkischen Adana.

Erdoğan vs. al-Qaida: In Syrien fördern, in der Türkei bekämpfen?

Die Türkei wurde bereits mehrmals Opfer von Anschlägen al-Qaidas. So führten türkische Attentäter, die Verbindungen zu der Terrorgruppe hatten, im Jahre 2003 mehrere Selbstmordanschläge gegen die HSBC Bank und das britische Konsulat in Istanbul durch. Bei den Angriffen starben 58 Zivilisten und rund 400 wurden verletzt. 2008 griffen mit al-Qaida verbundene Extremisten das US-Konsulat in Istanbul an, wobei drei der Attentäter und drei Polizisten umkamen. Im Juli griff die al-Qaida nahestehende radikalislamische Miliz al-Schabaab die türkische Botschaft in Somalia an.

Das jetzige Vorgehen der türkischen Polizei könnte auch mit der immer aggressiveren, gegen die türkische Regierung gerichteten Rhetorik einiger Al-Qaida-Gruppen aus Syrien sein. Die zu al-Qaida gehörende Gruppe „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) drohte dem türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan Ende September gar mit Anschlägen und bekannte sich gleichzeitig zu den Bombenanschlägen von Reyhanlı.

In Syrien sind die radikalen Kräfte mittlerweile eine ernst zunehmende Größe (cihan)

In Syrien gewinnen die radikalen Gruppen stetig an Boden und befeuern mit ihrem brutalen Vorgehen auch gegen moderatere Kräfte der Freien Syrischen Armee (FSA) die Uneinigkeit innerhalb der syrischen Opposition. Al-Qaida-nahen Brigaden wird immer wieder vorgeworfen, konfessionell motivierte Gräueltaten gegen syrische Schiiten oder Alawiten zu begehen.

Das Assad-Regime wirft der türkischen Regierung wiederum vor, terroristischen Gruppierungen zu erlauben, sich auf türkischem Boden beinahe unbehelligt für den Kampf in Syrien zu organisieren. Erdoğan gilt als entschiedener Gegner des syrischen Regimes. Der türkische Sicherheitsexperte Emre Uslu ging in seiner Kolumne „Ankara in Al-Qaida-Geiselhaft“ näher auf die umstrittene Syrienpolitik der Türkei ein.

Al Qaida als Werkzeug der Politiker

Einige Experten weisen jedoch auch auf eine mögliche, verdeckte Unterstützung bzw. Steuerung syrischer Al-Qaida-Gruppen durch den Geheimdienst Assads selbst hin. Das syrische Regime rekrutierte während der amerikanischen Besatzung des benachbarten Iraks bereits Djihadisten und benutzte diese als Werkzeuge gegen die militärische Übermacht der Amerikaner.

Beobachter vermuten, dass Assad die Extremisten nun dazu benutzt, um die syrische Opposition politisch weiter zu spalten und international zu isolieren und gleichzeitig die Schlagkraft der moderateren, vom Westen unterstützen FSA-Brigaden durch blutige Machtkämpfe mit aufstrebenden Al-Qaida-Gruppen zu schwächen.

Ankara und Damaskus widersprechen solchen Anschuldigungen. Kein Wunder, denn die Unterstützung einer so gewaltbereiten Gruppierung wie al-Qaida, welche die konfessionelle Gewalt im ethnisch und religiös durchmischten Syrien fördert, wäre weder vor der türkischen noch vor der noch verbliebenen regimetreuen syrischen Öffentlichkeit zu rechtfertigen.