Staatspräsident Gül mit Journalisten, unter anderem Fehmi Koru

Nachdem die ersten Nachrichten über die Korruptionsermittlungen die Öffentlichkeit erreicht hatten und in den regierungsnahen Medien die Hizmet-Bewegung für sie verantwortlich gemacht wurde, sprach Fehmi Koru (Foto, 2. v. re.), Kolumnist der Zeitung Star und früherer Chefredakteur von Milli Gazete und Chefkolumnist von Zaman, erst mit Präsident Abdullah Gül (li.) und später mit Premierminister Recep Tayyip Erdoğan. Koru ist langjähriger Vertrauter von Gül und pflegt auch gute Beziehungen zu Erdoğan.  Er stammt aus Izmir, der Stadt, in dem die Hizmet-Bewegung ihren Ursprung hat. Da er lange Jahre für die Hizmet-nahe Zaman gearbeitet, sah er sich in Verantwortung, zu vermitteln.

Am 21.12. traf er im Auftrag des Präsidenten in Pennsylvania mit dem Islamgelehrten Fethullah Gülen zusammen. Im Anschluss an das Gespräch verfasste Gülen auf Bitten Korus ein für Präsident Gül bestimmtes Schreiben, welches auf Wunsch Gülens auch dem Premier vorgelegt werden sollte. Dieses überbrachte Koru am Tag seiner Rückkehr dem türkischen Staatsoberhaupt und berichtete ihm über die Reise. Koru betrachtete seine Mission als eine Geste des guten Willens.

Am 4. Januar machte Premierminister Erdoğan den persönlichen Brief öffentlich mit der Andeutung, dass Gülen den Brief an ihn adressiert hätte.

Wenn die Normalität zum Problem wird

Seit Jahrzehnten ist Fethullah Gülen bemüht, den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu fördern und die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie zu predigen. Millionen von Menschen zeigen, inspiriert von seinen Ideen, ehrenamtlichen Einsatz für Bildung, humanitäre Hilfe und interkulturellen Dialog. Sie sehen in Gülen einen moralischen Mentor. Seit Wochen haben nun Gülen und die Hizmet-Bewegung in der Türkei mit Verleumdungen und Diffamierungskampagnen zu kämpfen. Aktuell werden Gülens Telefongespräche mit engen Vertrauten so wie sein Brief an den Staatspräsidenten politisch instrumentalisiert.

DTJ dokumentiert das Schreiben Fethullah Gülens.

Mein sehr geehrter Staatspräsident, geliebter Freund, mir wertvoller Mensch und hochverehrter Herr Abdullah Gül,

ich übersende Ihnen meine innigste Hochachtung mit meinen wärmsten Grüßen und hoffe, dass Sie bei bester Gesundheit und Wohlergehen sind. Ich bin mir dessen bewusst, dass jegliches Ereignis, welches den Frieden unseres Landes und Volkes stört, Ihre Person sehr betrübt und betrüben würde, und möchte erwähnen, dass ich dieselbe Trauer mit Ihnen teile.

Andere verwenden dafür Betitelungen wie „Hizmet“, „Bewegung“, „Cemaat“ oder „Gemeinschaft“, ich spreche davon, dass es Sorten, Verständnisse, Farben und jedwedes Muster an Menschen (ähnlich wie die Menschen in der Moschee, die zusammenkommen und sich gemeinsam zum Gebet einreihen) gibt, die zu einer bestimmten Gelegenheit aus einem bestimmten Beweggrund und mit einem bestimmten Anliegen zusammenfinden, um einer guten Sache zu dienen. Wie ich mit Bedauern sehe, werden aber nun die Aktivitäten und Einrichtungen der sich für diese Sache entbrannten Seelen, die meine Ideen als Impulse für ihr Tun betrachten, zur Zielscheibe.

„Taktlose Ausdrucksformen“ in der Debatte bedauert

Schon in den ersten Tagen, als die Dershane-Thematik aufgekommen war, wurde unserem verehrten Premierminister bei diversen Angelegenheiten übermittelt, dass wir die Nicht-Schließung dieser Einrichtungen erbitten, deren Tätigkeiten für unser Volk nützlich sind und dass wir hoffen, die Fortführung ihrer Aufgabe wie gehabt vonstatten gehen lassen zu können. Wie auch der Öffentlichkeit bekannt, haben sich Freiwillige dieser Bewegung sich vom Beginn dieser Debatte an als Reaktion auf die Anschuldigungen und Verdächtigungen immer im Rahmen des Taktgefühls und des Anstands über die sozialen Medien dazu geäußert. Ich denke, dass dem Anliegen in diesem Falle im Rahmen der Gesetze und im Einklang mit den rechtlichen und dem Anstand nach gebotenen Erfordernissen eine Stimme verliehen wurde.

Mit der Zeit wurden viele Menschen des gesellschaftlichen Lebens zum Teil dieser Debatte, als Ergebnis kam es leider teilweise zu taktlosen Ausdrucksformen, sehr groben Auseinandersetzungen und gegenseitigen Unterstellungen. Diesem Zustand muss von allen Kräften des gesunden Menschenverstandes ein Ende gesetzt werden, weil das dringend erforderlich wird. Wenn vor allem die schwarze Propaganda einiger Medien beenden könnte, glaube ich, werden auch meine Freunde und Bekannte das Schweigen bevorzugen. Ich möchte Sie wissen lassen, dass dieser „Fakir“ (im Sinne von „mittellos“; Gülen verwendet diese Zuweisung, um zu zeigen dass er nichts Weltliches oder Materielles besitzt, Anm. d. Red.) selbst alles Erdenkliche zur Unterbindung solcher Vorfälle machen wird. Ich glaube fest daran und bitte Sie als große Persönlichkeit unseres Landes mit meiner innigsten Aufrichtigkeit, die erforderlichen, ernsthaft gebotenen Schritte zur Wiederherstellung des gesunden Menschenverstandes einzuleiten in Bezug auf die weiterhin stetig fortdauernden hässlichen Anschuldigungen und hetzerischen Darstellungsformen.

Mein verehrter Herr,

Sie wissen in gleicher Weise wie ich, dass ich weder dazu befugt bin, auf den Verlauf der Regierungsgeschäfte noch auf das Gebaren, die Beförderung oder die Versetzung von Beamten Einfluss zu nehmen. Ebenso werde ich, falls es auch in Ihrem Sinne ist, in meinen Predigten zur Mäßigung anraten, um der angeheizten Stimmung in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken. Ich werde mir zudem jedwede Mühe geben, meine Freunde, Befürworter und Sympathisanten zu maßvollem Handeln zu ermutigen.

Sanktionen gegen Beamte ohne Anlass

Soweit ich in den Medien verfolgt habe und die Öffentlichkeit bereits informiert ist, versuchen zuständige Beamte nun einerseits, im Rahmen eines noch laufenden juristischen Prozess, im gesetzlichen Rahmen ihre Aufgaben zu erfüllen, strafrechtliche relevante Vorwürfe aufzuklären, allfällige Schuldige festzustellen und ein Verfahren gegen diese einzuleiten. Anderseits werden gegen die gleichen Beamten, die lediglich mit der Verrichtung ihrer ihnen durch Gesetz und Recht zugeteilten Aufgaben beschäftigt sind, oder die in anderen Städten sogar unabhängig von dieser Causa tätig sind, ohne jeglichen Schuldnachweis Sanktionen eingeleitet.

Ich verfolge mit Bedauern die Behinderung und massenhafte – gleichsam einem Massaker an eingespielten Strukturen innerhalb der Verwaltung gleichkommenden – Versetzung von Beamten, die ihre gesetzlichen Aufgaben wahrnehmen, und auch solcher, die gar nicht in diesen Fall eingebunden sind, mit der bloßen Begründung, angeblich eine Verbindung zu einer bestimmten Stelle zu haben. Gegen Staatsbeamte vorzugehen, sie daran zu hindern, ihren Aufgaben nachzukommen, unschuldige Bürger lediglich auf Grund einer vermuteten Gesinnung gegenüber hinsichtlich einer bestimmten Gemeinde ihrer Rechte zu berauben, dazu wird, selbst wenn wir schweigen sollten, das öffentliche Gewissen nicht schweigen.

Friedensbrief

Mein sehr geehrter Staatspräsident,

es wird über die bekannten, substanzlosen Vorwürfe hinaus berichtet, dass bei den Aufnahmeverfahren zu öffentlichen Einrichtungen sehr viel Wert darauf gelegt werde, bestimmte Personen auszuschließen. Es wird berichtet, dass heute wie damals über Bewerber illegal Daten erhoben werden von wegen „er ist von dieser Cemaat, gehört diesem Orden an, war in dieser Dershane, ist Absolvent von dieser Schule“. Personenbezogene Daten wurden gesammelt, um Menschen daran zu hindern, bestimmte Ämter übertragen zu bekommen.

Diese rechtswidrige Praxis soll mittlerweile nicht nur bei Geschäftsführern, Direktoren oder Polizeiinspektoren, sondern bis in die untere Beamtenschaft durchgedrungen sein. Bisher wurde ich Zeuge der Tränen vieler Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft, die Benachteiligungen erlitten, weil sie verdächtigt wurden, dieser oder jener Gruppierung anzugehören oder mit ihr zu sympathisieren. Aber ebenso wie ich das selbst nie öffentlich gemacht habe, habe ich auch diesen Menschen zu Geduld und Besinnung geraten. Diese Kinder des Volkes, die auf Grund gewisser Zuordnungen in ihren Karrieren behindert werden, schütten dann ihre Herzen bei den Menschen aus, bei denen sie auf ein offenes Ohr stoßen und bringen ihre Enttäuschung zum Ausdruck. Ich bin der Überzeugung, dass das Führen schwarzer Listen, um unschuldige Menschen, die Fleisch und Blut des eigenen Landes sind, Chancen zu verbauen, ein Ende haben muss.

Offen für den Dialog

Es ist – leider – offenkundig, dass voreingenommene Bestrebungen versuchen, die in alle vier Richtungen der Welt verstreute und durch Allahs Hilfe und die Unterstützung und Hilfe großmütiger Menschen wie Ihnen, anderen wichtigen Persönlichkeiten unseres Landes und wertgeschätzter Freunde ständig wachsende Hizmet-Bewegung zu behindern. Es ist zu beobachten, dass diese unangebrachten Behinderungsaktivitäten – die zuvor nicht zu bemerken waren – zeitgleich mit dem Wachsen und Ausdehnen der Bewegung aufgetreten sind. Wie kann es nun sein, dass mittlerweile auch Süleyman Efendis Schüler (Verband der Islamischen Kulturzentren, Anm. d. Red.), der Verband zur Verbreitung des Wissens (Ilim Yayma Cemiyeti), Menzil-Anhänger (ein über die Grenzen der Türkei hinaus aktiver muslimischer Orden, Anm. d. Red.)  und andere Einrichtungen und Institutionen davon betroffen werden?

Mein verehrter Herr,

ich muss Ihnen mitteilen, dass wir in Anbetracht der übermittelten Sachlage seitens des wertvollen Gastes, den Sie entsandt haben, vor einer ähnlichen Situation stehen wie jener, in der wir vor der Wahl waren.

Ich möchte betonen, dass wir jederzeit offen für den Dialog sind, und wir die Punkte, die Sie mit dem Premierminister zusammen erörtert hatten, für ebenso wichtig und beachtenswert halten. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Sie die von mir erwähnten Punkte diesem mitteilen und mit ihm erörtern könnten. Als ein Bruder, der sein Leben dem Glauben, dem volk und der Menschheit zu widmen versucht, möchte ich Ihnen hierbei mit meiner vollkommenen Aufrichtigkeit mitteilen, dass ich stets versucht habe, mich für den Frieden und das Seelenheil der Menschen und dem Volk, die Einheit und den Zusammenschluss, die Brüderlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen und stets diejenigen, die den Bedürftigen Empathie zeigten, hierzu ermutigt habe.

Seelenfrieden für das Land

In einem Alter, in welchem ich nur noch den Übergang ins Jenseits vor Augen sehe, wird sich auch nach dieser Stunde nichts an meinen diesbezüglichen Ansichten, Zielen und Ambitionen ändern. Es ist mein sehnlichster Wunsch, die in Freundschaft ausgestreckten Hände zu halten, die unsere bedeutenden Regierungsträger entgegenstrecken. Daher ist es mein tiefster Wunsch, jeden Schritt der uns gegenüber mit Aufrichtigkeit getätigt wird, der göttlichen Moral und dem Anstand entsprechend zu erwidern. Wir werden versuchen, unser Bestes für den gesellschaftlichen Frieden zu geben, unseren Freunden und Sympathisanten Mäßigung zu empfehlen und jederzeit uns nur für den Frieden einzusetzen.  

So möchte ich hierbei auch die Gelegenheit nutzen, Ihnen, der verehrten Gemahlin Frau Hayrünnisa und den weiteren Mitgliedern Ihrer Familie meinen tiefsten Respekt und meine Grüße zu übersenden.

M. Fethullah Gülen