Die Übergangsregierung in Kiew versucht durch die Verhaftung angeblicher Scharfschützen von der prekären innenpolitischen Lage abzulenken.

Die Polizei hat alle mutmaßlichen Scharfschützen vom 20. Februar auf der Institutskaja-Straße im Stadtkern von Kiew identifiziert, teilte Arsen Awakow, der vom ukrainischen Parlament zum Innenminister ernannt wurde, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mit.

Es handle sich um eine Sonderkompanie unter dem Kommando des festgenommenen Polizei-Majors Dmitri Nikolajewitsch Sadownik, sagte Awakow. „Wir haben alle Teilnehmer der Operation identifiziert. Jetzt wird präzisiert, inwieweit jeder von ihnen beteiligt war. Die Ermittlung ist im Gange.“ Nach dem Stand von Donnerstagmorgen seien 12 Personen festgenommen worden.

Der gewählte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, der sich jetzt in Russland aufhält, hatte zuvor erklärt, dass Vertreter der bewaffneten Staatsstrukturen nicht auf die Demonstranten auf dem Maidan geschossen hätten. Die Schüsse seien aus den Gebäuden abgegeben worden, die von Radikalen kontrolliert waren, so Janukowitsch. Er selbst habe „niemals Schießbefehle erteilt“. „Die Sondereinheiten, die die Staatsgebäude bewacht haben, hatten niemals Schusswaffen bekommen“, fügte er hinzu.

Wurde mit Alexander Musytschko ein Mitwisser eliminiert?

Viele Berkut-Angehörige zogen nach dem Machtwechsel auf die Krim um. Bei einer Pressekonferenz am 7. März in der Krim-Hauptstadt Simferopol wies Berkut-Major Alexander Wasjukow die Behauptungen als „Lüge“ zurück, bei den Unruhen in Kiew seien Berkut-Scharfschützen eingesetzt worden. Zum Einsatz in Kiew hätten die Berkut-Leute ihre Schusswaffen nicht einmal aus dem Waffendepot in Simferopol mitgenommen, hieß es.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte zuvor erklärt, Moskau verfüge über Daten, laut denen die radikale Organisation Rechter Sektor die Scharfschützen auf dem Maidan kommandiert haben könnte. Einer der Führer dieser Bewegung, Alexander Musytschko, war am 25. März bei einem Schusswechsel getötet worden. Nach diesem Vorfall kamen Gerüchte auf, wonach Spezialeinheiten des ukrainischen Ministeriums ihn gezielt ausgeschaltet haben sollen. Mit ihm könnte ein wichtiger Mitwisser im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um die Schüsse vom Maidan sein Wissen mit ins Grab genommen haben.

Generalstaatsanwalt gehört rechtsextremer „Swoboda“ an

Ende Februar hatte der estnische Außenminister Urmas Paet in einem Telefonat mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton den Verdacht einer ukrainischen Aktivistin erwähnt, dass die Schüsse auf Demonstranten und Berkut-Sondereinheit von denselben Scharfschützen abgegeben worden seien. Es gebe demnach mehr und mehr Hinweise, dass hinter den Mördern nicht Präsident Viktor Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition stehe, sagte Paet. Ein Mitschnitt des Telefonats wurde kurz danach ins Internet gestellt. Der estnische Außenminister gab seine Echtheit zu.

Generalstaatsanwalt Oleg Machnitski, der die Ermittlungen leitet, gehört der rechtsextremen Partei „Swoboda“ an, die Teil der nach der Entmachtung des gewählten Präsidenten ans Ruder gekommenen Übergangsregierung ist. (RIA Novosti/DTJ)