Wer sind diejenigen, die auf die Straßen gehen?

In jeder sozialen Bewegung können ideologische und illegale Organisationen, marginalisierte Gruppen und für den Staatsapparat fungierende Provokateure, kurz „interne und externe Instanzen“ verborgen sein. Relevant ist nicht die Tatsache, wie diese Gruppierungen die Massen lenken und manipulieren, sondern ihre Kapazität zur Mobilisierung und Aufrüstung dieser und inwieweit sie darin ihre Absichten umsetzen können.

Gleichgültig wie fortgeschritten die Fähigkeiten und Erfahrungen der Unruhestifter sind, ist das soziologische, politische und strukturelle Geflecht solcher sozialen Bewegungen ausschlaggebend. Es ist wahrscheinlich, dass interne und externe Krawallmacher bei den Ausschreitungen auf dem Istanbuler Taksim-Platz ihre Finger im Spiel hatten. So wie es aussieht, wollen sie Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan vielleicht zu einem Kurswechsel in der Außenpolitik zwingen. Im nächsten Schritt werden sie den Versuch wagen, seine Abdankung herbeizuführen. Dies aber nicht auf politischem Wege an der Urne, sondern rebellisch auf der Straße.

Nicht ohne Grund sagte der ehemalige Staatssekretär und Politiker Yalçın Akdoğan: „Wir werden Erdoğan den Unruhestiftern nicht ausliefern.“ Entgegen verbreiteten Vermutungen sind jedoch nicht die Nachbarstaaten der Türkei für die lautstarke Propaganda gegen den Ministerpräsidenten verantwortlich, sondern die globale Macht der alten Allianzen und deren Kollaborateure in der Türkei. Ich bin der Ansicht, dass nicht die Regierung oder die Regierungspartei, sondern vielmehr die Person Erdoğan im Fokus dieser Auseinandersetzungen steht.

Die Konfliktauslöser streben nach unterschiedlichen Zwecken. Aber wenn wir diese soziale Bewegung, die ein hohes Expansionspotenzial zeigt, nur auf die Fähigkeiten der auslösenden Gruppierungen reduzieren, werden wir nicht nur die Ereignisse falsch interpretieren, sondern auch den Zwecken dieser Gruppen dienen. Auch hätten wir uns der sozialen Realität und der gesellschaftlichen Dynamik verschlossen.

Mit einem Blick auf die soziale Struktur der Auseinandersetzungen auf dem Taksim-Platz wird deutlich, dass die Teilnehmer in drei Hauptgruppen eingeteilt werden können, wobei die Beklommenheit und das Unbehagen dieser drei Gruppierungen sich voneinander unterscheiden.

a) Die Unglücklichen, die Unzufriedenen und die Entrüsteten:

Sie sind überwiegend junge, gebildete, urbanisierte Menschen, die technikbewandert sind und einen feinen Geschmackssinn haben, sowie (post-)moderne Kulturgüter konsumieren. Sie sind der Ansicht, dass sie nicht ihren rechtmäßigen Anteil an der schnell wachsenden Wirtschaft ihres Landes bekommen und diesbezüglich nicht die notwendigen Mittel für den Erwerb der modernen Freiheit in Anspruch nehmen können. Andere wiederum sind die Reichen, die weiße Elite, die aus anderen Beweggründen Stress und Ärger angesammelt haben. Mit der Teilnahme an Massenprotesten werden ihre erhitzten Gemüter befriedigt und ihre Seelen entladen. Ähnlich wie diejenigen, die im Laufe der Woche friedlich ihren Berufen nachgehen und an Wochenenden das Trikot ihrer Mannschaften anziehen und in den Stadien zu gewaltbereiten Hooligans werden, üben sie an Werktagen ihre Tätigkeiten aus und versammeln sich dann zu Kundgebungen und Ausschreitungen, ähnlich wie auf dem Taksim-Platz und protestieren gegen eine Welt, die sie zu verbessern bereit sind.

b) Die Çarşı:

Diese durch die Anhänger des Fußballclubs Besiktas Istanbul symbolisierte Gruppierung, setzt sich aus Vertretern der mittleren und unteren Schicht des Mittelstandes zusammen, die unter der neoliberalen Politikführung gelitten haben. Auch Kleinunternehmer gehören zu dieser Gruppe, die große Verluste durch die Eröffnung von grandiosen, imposanten Einkaufszentren zu verzeichnen oder für die Zukunft zu befürchten haben. Beamte mit niederem Einkommen, Arbeitnehmer ohne soziale Absicherung, Opfer von Subunternehmer-Praktiken, Mindestlohnbezieher und die breite Masse der Arbeitslosen sind weitere Vertreter dieser Gruppe. Diese kann man auch als „die echte soziale Schicht“ bezeichnen, die nicht marginalisiert werden will und außer der marxistischen Organisationstradition weder den Vandalismus, noch die Anarchie und das Bewerfen der Sicherheitskräfte mit Steinen und die Zerstörung von öffentlichen Gebäuden verherrlichen. Sie protestieren lediglich nur gegen eine ungerechte Ordnung. Özgür, der Carsi-Sprecher, betont: „Überleben heißt, den Mächtigen zu widerstehen.“

c) Die Aleviten:

Nicht zuletzt können die Aleviten genannt werden, deren Probleme, warum auch immer, seit einer geraumen Zeit nicht gelöst wurden und deren Forderungen nicht entsprochen wurde, bei denen die Enttäuschung nach dem Syrien-Konflikt gewachsen ist und deren Frust mit der Benennung der dritten Brücke über dem Bosporus nach Sultan Selim, dem Gestrengen, ihren Zenit erreicht hat.
Abgesehen von den zerstörungswütigen Kleinstgruppen kann das soziale und sozio-politische Profil jener Menschen, die an den Demonstrationen teilgenommen haben, in etwa auf diese Weise erstellt werden. Natürlich sollten die erforderlichen Maßnahmen gegen Provokationen der inneren und äußeren Instanzen getroffen werden. Aber dies gibt auch zu verstehen, dass die Soziologie der sozialen Bewegungen und der Proteste richtig interpretiert werden sollte. Soziologie besitzt die Macht, zu analysieren, die Politik die, etwas zu ändern.